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Das Archivrepetorium des Magisters Paul Wäckinger von 1538

Zur Tätigkeit eines Deggendorfer Stadtschreibers
Von Lutz-Dieter Behrendt

Un­ter der Si­gna­tur B 1 wird im Ar­chiv der Stadt Deg­gen­dorf ei­nes der wert­volls­ten Stü­cke des his­to­ri­schen Ak­ten­be­stan­des auf­be­wahrt, ein in fes­tes Per­ga­ment ge­bun­de­ner, 24 beid­sei­tig be­schrie­be­ne Per­ga­ment­blät­ter um­fas­sen­der Ok­tav­band mit der ver­gilb­ten Auf­schrift Frey­brif der Stat Deck­hen­dorff. Auf dem Ti­tel­blatt steht: Ein kurt­zer Aus­zug und In­halt al­ler Frey­hai­ten, Con­fir­ma­ti­on, Urt­l­brieff, Re­cess, Be­velh etc., durch die durch­leuch­ti­gen, hoch­ge­bor­nen Fürstn und Herrn Herrn von Bayrn ai­nen auff denn an­dern der Stat Deg­khen­dorff ge­ge­ben, durch mich, Mais­ter Paul­sen Wäk­hin­ger, Stat­schrei­ber do­selbs, ei­nem er­sa­men Radt zu Ehe­ren und dienst­li­chem Ge­fal­len in di­sem Pu­ech­lenn be­grif­fen.
Di­ser Aus­zug sambt der Ord­nung al­ler brief­fli­chen Urk­hun­den, welch so­vil der bey gmay­ner Statt Kür­chen, Spitl und al­len Ämb­tern zer­strät ge­west und nun in ir Titl ge­taillt und ge­legt, ist an­ge­fann­gen im XXXIIII Jar und ge­endt im 5 C XXXVIII.

Zum In­halt des Do­ku­ments
Die­ser für die da­ma­li­ge Zeit ty­pi­sche sehr um­ständ­li­che Ti­tel um­rei­ßt klar den In­halt der Schrift. Nach ei­ner Auf­zäh­lung der im Jah­re 1538 am­tie­ren­den bei­den Stadt­kam­me­rer, der üb­ri­gen sechs Mit­glie­der des In­ne­ren Rats und der zehn Mit­glie­der des äu­ße­ren Rats fol­gen ei­ne Ein­lei­tung über das Ziel der Ar­beit und ei­ne knap­pe Ab­hand­lung Von An­fang und Ur­sprung der Stat Dek­hen­dorff. An­schlie­ßend wird ei­ne Über­sicht dar­über ge­ge­ben, was in al­ler­lay Castn und Tru­hen auff dem Rad­t­hauss zu fin­den ist.

Den grö­ß­ten Teil des Ver­zeich­nis­ses nimmt ei­ne chro­no­lo­gi­sche Auf­stel­lung der Pri­vi­le­gi­en, Frei­hei­ten und Rech­te ein, die der Stadt seit 1300 bis ein­schlie­ß­lich des Jah­res 1515 von baye­ri­schen Her­zö­gen ver­lie­hen wor­den sind, von den Wei­de-, Was­ser- und Jagd­rech­ten über die Ge­richts­bar­keit in der Stadt und die Rich­ter­wahl, die Selbst­ver­wal­tung, die Be­steue­rung, die Hand­wer­ker­rech­te, die Be­schau­ord­nung, das Bräu­recht, den Bau der Walk­müh­le, die Märk­te bis zur Zoll­frei­heit. Es ist die äl­tes­te zu­sam­men­fas­sen­de Dar­stel­lung die­ser Art und da­mit für die Er­for­schung der Ent­wick­lung des Deg­gen­dor­fer Stadt­rechts von gro­ßer Be­deu­tung. Es ent­hält 38 kur­ze Re­ges­ten, die manch­mal al­ler­dings zu knapp ge­ra­ten, so dass wir heu­te nicht im­mer ih­ren vol­len Sinn ver­ste­hen. Auch hielt Wä­ckin­ger sich bei sei­nen Zu­sam­men­fas­sun­gen nicht im­mer ge­nau an den Wort­laut der Ur­kun­den. So sprach er bei­spiels­wei­se da­von, dass Her­zog Al­brecht der IV. 1501 der Stadt ei­ne In­sel in der Do­nau un­ter­halb von St. Eras­mus ge­ge­ben ha­be, im Ori­gi­nal­text hieß es aber un­d­er­halb der Pruck­hen ge­gen dem Torff Deck­hen­au über ge­le­gen.

Von ei­ni­gen Do­ku­men­ten wis­sen wir nur durch die Auf­zeich­nun­gen Wä­ckin­gers. Ein vom Stadt­schrei­ber Mi­cha­el Ger­les­tö­ter und dem Rats­bür­ger Ge­org Jobst 1607 an­ge­leg­tes Pri­vi­le­gi­en­buch der Stadt Deg­gen­dorf mit et­wa 50 Ur­kun­den in wört­li­cher Ab­schrift fu­ßt zwar auf die­sem ers­ten Ar­chi­v­re­per­t­ori­um Wä­ckin­gers. Al­ler­dings sind dar­in nicht al­le von Wä­ckin­ger ge­nann­ten und da­mals si­cher noch vor­han­de­nen Do­ku­men­te ent­hal­ten. Was Ger­les­tö­ter für nicht we­sent­lich, über­holt oder für die Stadt nicht be­son­ders güns­tig hielt, ent­fiel, da es ihm nicht um ei­ne his­to­ri­sche Voll­stän­dig­keit ging. So fehlt ein Brief Kai­ser Lud­wig IV., Her­zog in Bay­ern, aus dem Jah­re 1347, mit dem er dem Viz­tum von Strau­bing be­fahl, er sol­le der Stadt nach dem gro­ßen Brand von 1332 beim Wie­der­auf­bau hilff­lich sein mit Radt und That. Nicht auf­ge­nom­men wur­de von Ger­les­tö­ter auch ein Frei­heits­brief der Her­zö­ge Ste­fan II., Al­brecht I. und Wil­helm I. aus dem Jah­re 1351, der al­ler­dings kei­nen di­rek­ten Be­zug zu Deg­gen­dorf hat­te. Un­be­rück­sich­tigt blieb ein Brief Her­zog Al­brecht I. von 1366 über die Schen­kung ei­ner Wei­de un­term Nat­tern­berg an die Stadt und ein Brief Her­zog Ernsts von 1437 über das Was­ser­recht. Nur von Wä­ckin­ger er­fah­ren wir über den vor­über­ge­hen­den Ver­kauf der Stadt, des Kas­tens und des Ge­richts Deg­gen­dorf durch Her­zog Al­brecht III. an sei­nen Bru­der Hein­rich XVI. den Rei­chen im Jah­re 1341.

Un­er­wähnt blieb bei Ger­les­tö­ter auch der von Wä­ckin­ger zi­tier­te Ver­zeih­brief Her­zog Al­brecht I. aus dem Jah­re 1360 mit der wich­ti­gen In­for­ma­ti­on über ei­ne füh­ren­de Be­tei­li­gung Deg­gen­dorfs an ei­ner Ver­schwö­rung von Städ­ten ge­gen den Her­zog, über die sonst nichts zu er­fah­ren ist. Wä­ckin­ger schreibt: Nach­dem die von Dek­hen­dorff samt an­dern Stetn in der Stat Dek­hen­dorff ein Punt­nus (Bünd­nis) wi­der den Fürstn ge­macht und die in Schrif­ten un­der der Stat Inn­sigl auf­ge­richt, dar­umb sy dann sambt iren Mit­helf­fern umb dreu­hun­dert Pfundt Pfen­nig ge­strafft, gibt di­ser Fürst ein Ver­zeich­brieff, das al­le Hand­lung hin und ab sey, sagt inen sein Huldt und Gnadt wi­der­umb zue. Dem Stadt­schrei­ber Ger­les­tö­ter er­schien die Er­wäh­nung die­ser Ur­kun­de si­cher eh­ren­rüh­rig und zu­dem di­plo­ma­tisch un­klug, da das von ihm er­stell­te Pri­vi­le­gi­en­buch dem Hof zur Be­stä­ti­gung durch Her­zog Ma­xi­mi­li­an I. (1597 – 1651) vor­ge­legt wer­den soll­te.

An­de­rer­seits ist auch Wä­ckin­gers Ver­zeich­nis nicht voll­stän­dig. Auch er wähl­te sub­jek­tiv nach der Be­deu­tung der Do­ku­men­te für die Stadt aus, wo­bei er die erst­ma­li­ge Ver­lei­hung ei­nes Rech­tes oder je­weils die am wei­tes­ten ge­hen­de For­mu­lie­rung des­sel­ben her­vor­hob. So er­wähn­te er prin­zi­pi­ell die sich bei je­dem Her­zog wie­der­ho­len­den zu­sam­men­fas­sen­den Be­stä­ti­gun­gen bis­her er­teil­ter Pri­vi­le­gi­en und Frei­hei­ten nicht. Zu nen­nen wä­ren ein Ver­trags- und Be­stä­ti­gungs­brief von Kai­ser Lud­wig IV. vom 12. Ja­nu­ar 1341 für das ge­sam­te Nider­landt in Bayrn (Nie­der­bay­ern) und ein Be­stä­ti­gungs­brief der Söh­ne Kai­ser Lud­wig IV. vom 3. No­vem­ber 1347 mit der wich­ti­gen Be­stim­mung, dass Deg­gen­dorf we­der ei­nem her­zog­li­chen Rat, dem Pfle­ger noch sonst je­mand un­ter­wor­fen sei. Von zwei Ur­kun­den Her­zog Al­brechts I., die Zoll­frei­heit be­tref­fend, die bei­de am 29. Sep­tem­ber 1385 aus­ge­stellt wur­den, be­schrieb Wä­ckin­ger nur die zwei­te mit dem wich­ti­gen Pri­vi­leg, dass auch all sein Er­ben und Nach­ku­men zu ewi­gen Zei­ten kei­nen Zoll auf die Stadt schla­gen soll­ten.

Den Re­ges­ten über die städ­ti­schen Frei­hei­ten in Wä­ckin­gers Re­per­t­ori­um schlie­ßen sich sieb­zehn Re­ges­ten über Ur­tei­le und Ver­glei­che aus den Jah­ren 1437 bis 1538, die das Ver­hält­nis der Stadt zu Nach­barn wie dem Klos­ter Met­ten und der Ge­mein­de Fi­scher­dorf und zahl­rei­che Fra­gen des städ­ti­schen Ge­mein­le­bens be­tra­fen, so­wie sechs knap­pe Re­ges­ten über fürst­li­che Be­feh­le an die Stadt aus den Jah­ren 1441 bis 1515 an.

In al­len sei­nen Tei­len ist die­ses Re­per­t­ori­um ei­ne äu­ßerst wert­vol­le Quel­le für die äl­te­re Ge­schich­te der Stadt Deg­gen­dorf. Schon al­lein die voll­stän­di­ge Nen­nung der Rats­mit­glie­der er­laubt wich­ti­ge so­zi­al- und fa­mi­li­en­ge­schicht­li­che Rück­schlüs­se, denn ein an­de­res Do­ku­ment aus dem Jah­re 1538 mit den Na­men al­ler Deg­gen­dor­fer Rats­bür­ger liegt nicht vor. Mit­glie­der des In­ne­ren Rats, der ei­gent­li­chen ob­rig­keit­li­chen Stadt­ver­wal­tung, wa­ren die Stadt­kam­me­rer Hans Vils­mayr und Hans Wächs so­wie als wei­te­re Rats­her­ren Ge­org Turl, Se­was­ti­an Jor­dan, Stef­fan Ploch, Wolf Hoff­mais­ter, Se­was­ti­an Prew (Preu) und Pauls Widl. Dem Äu­ße­ren Rat, der als be­ra­ten­des und kon­trol­lie­ren­des Or­gan fun­gier­te, ge­hör­ten an: Sig­mund Ros, Wolf­gang Hösch, Leon­hard Tal­ha­mer, Veit Haug, Tho­man Eit­l­pös, Lo­renz Prun­ner, Hans Kharl, Os­walt Pütz, Stef­fan Hä­berl und Hans Sü­merl. Vie­le die­ser Fa­mi­li­en­na­men tau­chen auch spä­ter un­ter den Rats­mit­glie­dern auf.

Das von Wä­ckin­ger ge­fer­tig­te Ver­zeich­nis bie­tet zu­gleich mit sei­ner Ein­lei­tung ei­nen vor­züg­li­chen Ein­blick in die Tä­tig­keit ei­nes Stadt­schrei­bers in der ers­ten Hälf­te des 16. Jahr­hun­derts. Wir wol­len des­halb die Ana­ly­se des Do­ku­ments mit ei­ner Dar­stel­lung der Pflich­ten ei­nes Stadt­schrei­bers in Deg­gen­dorf ver­bin­den.

Der Eid des Stadt­schrei­bers
Der Stadt­schrei­ber hat­te in den mit­tel­al­ter­li­chen und früh­neu­zeit­li­chen Städ­ten ei­ne ein­fluss­rei­che Po­si­ti­on, was schon in der An­re­de ehr­sam und wei­se zum Aus­druck kam. Er war der ers­te Funk­ti­ons­trä­ger der sich or­ga­ni­sie­ren­den Bür­ger­schaft. Da er an al­len Sit­zun­gen des Ra­tes teil­nahm, in al­le wich­ti­gen Schrei­ben Ein­sicht be­kam und sie oft auch selbst ver­fass­te, war er die be­st­in­for­mier­te Per­son in der Stadt. Ähn­lich wie in an­de­ren Städ­ten wird auch in Deg­gen­dorf die Ein­rich­tung des Stadt­schrei­ber­am­tes in Ver­bin­dung mit der Ver­lei­hung des Stadt­rechts er­folgt sein.

Vom Stadt­schrei­ber wur­de un­be­ding­tes Ein­tre­ten für das Wohl der Stadt er­war­tet. Als wich­ti­ge Amts­per­son wur­de er bei Amts­an­tritt vor dem In­ne­ren Rat ver­ei­digt. Er hat­te sich zu Treue und Ge­hor­sam ge­gen­über sei­nen Dienst­her­ren, dem Stadt­rat und dem Stadt­kam­me­rer, zur stän­di­gen An­we­sen­heit in der Stadt, zur Ge­heim­hal­tung al­ler Amts­ge­schäf­te, zur Un­par­tei­lich­keit in sei­ner Amts­füh­rung zu ver­pflich­ten. Aus­wär­ti­gen Per­so­nen durf­te er ge­gen­über Deg­gen­dor­fer Bür­gern we­der Rat noch Hil­fe ge­ben. Er war ver­pflich­tet, an Rats­sit­zun­gen teil­zu­neh­men, al­le Amts­hand­lun­gen des Ra­tes zu pro­to­kol­lie­ren, Stadt-, Rech­nungs- und Steu­er­bü­cher zu füh­ren und die städ­ti­schen Ak­ten zu ver­wah­ren. Oh­ne Er­laub­nis des Ra­tes durf­te er kei­ne Schrift­stü­cke ent­neh­men, Ab­schrif­ten da­von ma­chen oder sie öf­fent­lich be­kannt ma­chen. In sei­nem Amts­eid ver­pflich­te­te er sich auch, für Schreib­ar­bei­ten, die er im Auf­trag der Bür­ger aus­führ­te, kei­ne über­zo­ge­nen Ge­büh­ren zu neh­men.

In Deg­gen­dorf lau­te­te der Amts­eid, wie ihn wohl auch Paul Wä­ckin­ger ab­zu­le­gen hat­te, wie folgt:

Ich ge­lob und schwer zu Gott ai­nen Ayd, das ich ai­nem er­sa­men Cam­rer und Ratt von we­gen ge­mai­ner Stat ge­treue, ge­wer­tig und ge­hor­sam sein will,
der Stat Rei­chen und Ar­men Nutz, Eer und No­turfft be­trach­ten, iren Scha­den war­nen,
ai­nes Rats Haim­lich­kait ge­gen nie­mand mel­den aus­wen­dig des Ratts, in mei­nes Ratts Zeit­ten und hi­n­ach ewig­klich ver­schwei­gen;
al­le Hand­lung, so vor Ratt ge­han­delt, ai­gent­lich auf­schrei­ben so wie be­vol­hen,
und mit dem Schrei­ben uber alt Her­ko­men nie­mand uber­ne­men, wie dann her­nach an dem vir­ten Plat nach lengst vert­zaich­net ist,
de­nen Bür­gern in der Stat so in Wi­der­wär­tig­kait sein, ai­nem wi­der den an­dern we­der ra­ten noch Bei­standt thun,
one Er­laub­nus ai­nes Ratts nit aus­zie­hen, al­le Re­gis­ter, In­ven­ta­ri, Brief und Ur­kundt, so wie be­vol­hen. treu­lich be­hal­ten,
die one Wis­sen ai­nes Ratts nie­mants uber­ge­ben, of­fent­lich ver­le­sen noch Ab­schrifft da­von vol­gen las­sen;
kains par­they wi­der die an­der schrei­ben,
auch kei­nem Aus­wen­di­gen wi­der die Bür­ger Bey­standt noch Hilff unnd Ratt ge­ben,
solchs al­les war und vesst ze hal­ten, nit un­ter­las­sen von kai­ner­lay Sa­chen we­gen,
das helff mir Gott, der All­mech­tig. Amen.

Auf dem im Eid an­ge­spro­che­nen Blatt vier des Eid­bu­ches der Stadt Deg­gen­dorf wa­ren die Ta­ri­fe ver­zeich­net, die ein Stadt­schrei­ber für sei­ne Schreib­ar­bei­ten von den Bür­gern for­dern konn­te. Der Rat der Stadt Deg­gen­dorf folg­te da­bei dem Vor­bild der Stadt­schrei­be­rei Strau­bing. Im Ein­zel­nen wur­den fol­gen­de Ge­büh­ren fest­ge­legt: für Kauf-, Gült- und Le­hens­brie­fe so­wie für Für­schrif­ten (Bitt­schrif­ten) auf Per­ga­ment je zwölf Kreu­zer oder so er groß fünf­zehn Kreu­zer; für die Be­ur­kun­dung des To­des oder der ei­ge­nen Ge­burt ein Gul­den (= 60 Kreu­zer), für ge­wöhn­li­che Quit­tun­gen acht, für dapf­fe­re (wich­ti­ge) Quit­tun­gen fünf­zehn, für auf Per­ga­ment ge­schrie­be­ne zwan­zig Kreut­zer. Für Quit­tun­gen über ei­nen Be­trag von min­des­tens 200 Gul­den wa­ren eben­falls fünf­zehn Kreu­zer zu ent­rich­ten. Schuld-, Ver­trags- und Ver­kün­dungs­brie­fe kos­te­ten je ei­nen Schil­ling (= 8, 5 Kreu­zer). Für Hei­rats­brie­fe wa­ren zehn oder zwölf Kreu­zer zu ent­rich­ten. Be­trug der Wert ei­nes Hei­rats­briefs 200, 300, 400 oder mehr Gul­den, so muss­ten pro 100 Gul­den fünf Kreu­zer ge­ge­ben wer­den. Bei ei­nem Wert von 1 000 Gul­den wur­de ein gan­zer Gul­den Ge­bühr fäl­lig.

Wie hoch das Ein­kom­men des Stadt­schrei­bers Wä­ckin­ger war, ist lei­der nicht über­lie­fert. Wir wis­sen auch nicht, ob die Schreib­ge­büh­ren auf das Ge­halt des Stadt­schrei­bers an­ge­rech­net wur­den, wie es an­der­orts mit­un­ter üb­lich war. Zieht man aber die zeit­ge­nös­si­schen Ver­hält­nis­se in an­de­ren Städ­ten zum Ver­gleich her­an, kann man da­von aus­ge­hen, dass auch in Deg­gen­dorf der Stadt­schrei­ber zu den best­be­zahl­ten An­ge­stell­ten des Ra­tes ge­hör­te. In der Re­gel be­ka­men die Stadt­schrei­ber nicht nur ihr Ge­halt, son­dern auch Sach­leis­tun­gen wie Be­klei­dungs­geld, Brenn­holz oder Wein, wohn­ten in der Dienst­woh­nung und wa­ren von Steu­ern be­freit. In Göt­tin­gen bei­spiels­wei­se be­lie­fen sich die Aus­ga­ben für die Stadt­schrei­ber auf ⅔ bis ¾ al­ler Aus­ga­ben für Rats­be­diens­te­te. Die ab­so­lu­te Hö­he des Ge­halts war na­tür­lich von der Grö­ße der Stadt ab­hän­gig. Der Stadt­schrei­ber in Nörd­lin­gen er­hielt 1439 no­mi­nal 36 Gul­den, ein Ach­tel des Stadt­schrei­ber­ge­halts in Nürn­berg. In Bruch­sal wur­den 1551 jähr­lich 30 Gul­den ge­zahlt, in der Klein­stadt Külz­heim in Ba­den 1528 nur drei Gul­den. In Lands­hut be­trug der Sold für den Stadt­schrei­ber 1424 – 27 jähr­lich vier Pfund Pfen­nig. Die äl­tes­te er­hal­te­ne Stadt­kam­mer­rech­nung der Stadt Deg­gen­dorf vom Jah­re 1618 weist für den da­ma­li­gen Stadt­schrei­ber Ste­phan Khre­ß­lin­ger fol­gen­de Zah­lun­gen aus: ei­ne Grund­be­sol­dung von 50 Gul­den, für Kä­se und Obst ein Gul­den, drei Schil­ling so­wie für Holz zwölf Gul­den und 4 Schil­ling. Der Stadt­kam­me­rer er­hielt dem­ge­gen­über nur acht Gul­den und vier Schil­ling Ver­gü­tung für sei­ne Funk­ti­on.

Der Deg­gen­dor­fer Stadt­schrei­ber muss­te sei­nen Eid jähr­lich vor dem neu ge­wähl­ten Rat der Stadt wie­der­ho­len. Lan­ge Zeit, so­lan­ge die von ihm zu ver­rich­te­ten Ar­bei­ten noch nicht den spä­te­ren Um­fang er­reicht hat­ten, muss­te er – wie in Strau­bing und an­de­ren Städ­ten auch – zu­gleich als Ge­richts­schrei­ber fun­gie­ren. Da­für war ein be­son­de­rer Eid zu leis­ten, der sich auf die ge­richt­li­chen Ver­hand­lun­gen be­zog, aber im We­sent­li­chen die glei­chen Ver­pflich­tun­gen auf Pro­to­kol­lie­rung, Ver­schwie­gen­heit, Un­par­tei­lich­keit, ge­wis­sen­haf­te Ver­wah­rung der Re­gis­ter, Ur­kun­den und sons­ti­ger Schrift­stü­cke, Ver­bot der Aus­hän­di­gung von Un­ter­la­gen an Un­be­fug­te usw. wie der Eid des Stadt­schrei­bers ent­hielt. Ob Wä­ckin­ger selbst ne­ben sei­nem Stadt­schrei­ber­amt auch noch das des Ge­richts­schrei­bers in Per­so­nal­uni­on aus­üb­te, lässt sich nicht be­ant­wor­ten. Laut ei­nem Ur­teils­spruch von Her­zog Ernst (1397 – 1438) aus dem Jah­re 1433, den Wä­ckin­ger in sei­nem Ver­zeich­nis an­führ­te, soll­te der Stadt­schrei­ber in Deg­gen­dorf zu­gleich Ge­richts­schrei­ber sein, hat­te aber al­lain der Stat (zu) schwö­ren. Das war je­doch ei­ne ein­sei­ti­ge In­ter­pre­ta­ti­on Wä­ckin­gers zu Guns­ten der Stadt. Es sei des­halb die voll­stän­di­ge Text­stel­le des Spruch­brie­fes aus dem Ko­pi­al­buch von 1607 zi­tiert:

Als dann der Gras­per­ger (Stadt­rich­ter in Deg­gen­dorf – L. B.) für­bracht hat, wie das khain an­der ge­schwo­re­ner Ge­richts­schrei­ber zu Deck­hen­dorff sey dan der Statt­schrei­ber, der schwer auch nur dem Rat und nicht dem Rich­ter. De­ßglei­chen thue der Ambt­man, der Scherg ge­nannt. Dar­zue die von Deck­hen­dorff ge­ant­wortt ha­ben, es mu­eß der Statt­schrei­ber al­le Jahr mit­sambt den Rath, so man den er­we­le, ai­nen gebn (ge­ge­be­nen) Aidt schwe­ren der Herr­schafft, auch dem Rath und ge­mai­ner Statt, in al­len Sa­chen threu und ge­wär ze sein, nemblich der Herr­schafft zu ih­ren Rech­ten, den Bür­gern – rei­chen und ar­men – auch zu ih­ren Rech­ten. Und das sey ye und yhe (eh und jeh) von al­ter al­so Herk­ho­m­men. Und der­sel­big Statt­schrei­ber sizt dann bej dem Rich­ter an dem Rech­ten und ver­merckht im (ihm) die Püß (Bu­ßen) oder Wan­del (Geld­stra­fen). Dar­in ist un­ser Mai­nung, daß er pil­leich bey den blei­ben soll, als von al­ter ist Herk­ho­m­men.

Was ist der Kern die­ses Her­zog­spru­ches? Der Deg­gen­dor­fer Stadt­rich­ter be­schwer­te sich beim Her­zog dar­über, dass er kei­nen von der Stadt un­ab­hän­gi­gen Ge­richts­schrei­ber be­saß, son­dern dass der Stadt­schrei­ber, der nur vor dem Rat der Stadt ver­ei­digt wur­de, die­se Auf­ga­be in Per­so­nal­uni­on er­füll­te. Die Ver­tre­ter Deg­gen­dorfs hiel­ten dem ent­ge­gen, dass der Stadt­schrei­ber zwar all­jähr­lich vor dem Stadt­rat ver­ei­digt wer­de, aber so­wohl auf die Herr­schaft als auch auf Kam­me­rer und Rat der Stadt. Er sei ver­pflich­tet, ei­ner­seits die Rech­te der Herr­schaft und an­de­rer­seits die Rech­te der Bür­ger zu wah­ren. Der Her­zog ent­schied, es bei die­ser Re­ge­lung zu be­las­sen. Da­mit wur­de der Stadt­schrei­ber wei­ter­hin vor dem Rat der Stadt ver­ei­digt. In sei­ner Funk­ti­on als Ge­richts­schrei­ber blieb er aber so­wohl dem Her­zog als auch der Stadt Deg­gen­dorf ver­pflich­tet, was Wä­ckin­ger durch sei­ne ein­sei­ti­ge Ver­kür­zung die­ser Aus­sa­ge in sei­nem Re­gest ver­schwieg. Der im städ­ti­schen Eid­buch ent­hal­te­ne Eid des Ge­richts­schrei­bers, der vor dem Rat ab­ge­legt wer­den muss­te, geht aus­drück­lich von die­ser dop­pel­ten Un­ter­stel­lung aus, wenn die Ei­des­for­mel mit dem Hin­weis be­ginnt, daß er von dem durch­leuch­ti­gen hoch­ge­bor­nen Fürs­ten, mei­nen ge­ne­di­gen Herrn Hert­zog Lud­wigk zum Ge­richt der Stat Teg­ken­dorf als ain Ge­richt­schrei­ber auf­gen­u­men wur­de.

Zu den wich­tigs­ten Pflich­ten ei­nes Stadt­schrei­bers ge­hör­te die Be­glau­bi­gung von Schrift­stü­cken zu pri­va­ten Rechts­ge­schäf­ten. Das konn­te durch Ab­druck des ei­ge­nen Sie­gels auf der Ur­kun­de oder durch die Be­zeu­gung der Sie­ge­lung durch ei­ne an­de­re Per­son ge­sche­hen. Die äl­tes­te von ei­nem Stadt­schrei­ber als Sie­gel­bitt­zeu­ge be­glau­big­te Ur­kun­de im Deg­gen­dor­fer Stadt­ar­chiv ist am 17. Au­gust 1450 aus­ge­stellt wor­den. Es han­delt sich um ei­nen Re­vers (Er­klä­rung) des Jörg Trost, Ka­plans an der Pfarr­kir­che zu Deg­gen­dorf, über sei­ne Pflich­ten, nach­dem der Stadt­rat ihm die Mes­se auf dem Zwölf­bo­ten­al­tar in der Pfarr­kir­che Ma­riä Him­mel­fahrt ver­lie­hen hat­te. Stadt­schrei­ber Hans Eckhl und Stadt­amt­mann Jorg Dun­spir wa­ren die Zeu­gen. Sechs Jah­re spä­ter, am 30. Ok­to­ber 1456, tauch­te mit Jo­han­nes Strigl schon ein an­de­rer Stadt­schrei­ber als Zeu­ge auf, als der Mül­ler Jo­ry Pann­ger sein Tes­ta­ment ab­fass­te. Am 26. Mai 1491 be­sie­gel­te der Stadt­schrei­ber Cas­par Wang­ner mit sei­nem Sie­gel ei­ne Quit­tung. Da­mit be­stä­tig­te der Woll­knap­pe Ge­ö­rig Hof­mann­sper­ger sei­nem Kol­le­gen Ge­ö­rig Kruß, bei­de wa­ren aus Deg­gen­dorf, dass die­ser ihm 3 ½ Gul­den ge­zahlt so­wie die Arzt­kos­ten be­gli­chen hat­te als Bu­ße für ei­nen ihm zu­ge­füg­ten Leib­scha­den. Mit die­sem Do­ku­ment wird die en­ge Ver­bin­dung zwi­schen den Auf­ga­ben des Stadt­schrei­bers und des Ge­richts­schrei­bers sicht­bar.

Wä­ckin­ger als ers­ter Stadt­ar­chi­var
Ei­ne der ver­ant­wor­tungs­volls­ten Auf­ga­ben des Stadt­schrei­bers war die Ord­nung und Ver­wal­tung des Ar­chivs der Stadt. Nicht zu­fäl­lig wur­de die­se Ar­beit Paul Wä­ckin­ger ge­ra­de in den Jah­ren 1534 bis 1538 vom Rat der Stadt Deg­gen­dorf be­son­ders ans Herz ge­legt. Das sind die Jah­re, in de­nen als Aus­druck des wach­sen­den Selbst­be­wusst­seins der Bür­ger der re­prä­sen­ta­ti­ve Rat­haus­bau in­mit­ten des Stadt­plat­zes er­rich­tet wur­de. In dem neu­en Bau war ge­nü­gend Platz vor­han­den, um die vor­her in ver­schie­de­nen Häu­sern, in den Kir­chen und im Spi­tal ver­streu­ten Ak­ten an ei­ner Stel­le zu­sam­men­zu­fas­sen und zu ord­nen. Vor­her war of­fen­sicht­lich ei­ne ge­naue Ak­ten­ord­nung nicht von­nö­ten. Die­weil die Weldt nit so gschwindt und hoch­le­uf­fig, auch des An­li­gens bey gmay­ner Stat nit so­vil, ha­ben sich solchs we­ni­ger be­kü­mert. Man kann sich aber gut vor­stel­len, dass mit zu­neh­men­der Ge­schäfts­tä­tig­keit des Stadt­ra­tes die­ser Zu­stand un­halt­bar wur­de. Bei Be­darf be­gann je­weils ein gro­ßes Su­chen und den­noch konn­ten wich­ti­ge Schrift­stü­cke oft nicht ge­fun­den wer­den.

Als Wä­ckin­ger bei sei­nem Dienst­an­tritt 1534 die Re­gestrie­rung und Ord­nung der Ak­ten über­nahm, hat­te er sich nach ei­ge­ner Aus­sa­ge die­se Ar­beit leich­ter vor­ge­stellt, als er sie nach­mals im Werch be­fun­den. Er be­klag­te denn auch die von ihm an­ge­trof­fe­ne Un­or­den­lig­kait, so bis­hie­her in brief­fli­chen Urk­hun­den bey gmay­ner Stat ge­west. Gleich­wohl hü­te­te er sich tak­tisch klug, sei­ne Dienst­her­ren da­für ver­ant­wort­lich zu ma­chen. Es sei viel­mehr der Zeit Schuldt, dann Eu­er Wohl­ge­bo­ren Vor­el­tern, de­nen er ei­ne ge­wis­se Läs­sig­kait vor­warf. Wenn die­se Äu­ße­run­gen über die Schwie­rig­keit der Auf­ga­be si­cher auch dar­auf be­rech­net wa­ren, die ei­ge­ne Ar­beit im rech­ten Lich­te dar­zu­stel­len, war sie zwei­fels­oh­ne sehr zeit­auf­wän­dig. Im­mer­hin brauch­te Wä­ckin­ger vier Jah­re bis zu ih­rem Ab­schluss.

In sei­ner Vor­re­de zu dem Re­per­t­ori­um un­ter­strich er die Not­wen­dig­keit, die­se ein­mal her­ge­stell­te Ord­nung in Zu­kunft zu be­wah­ren und nach Mög­lich­keit noch zu ver­bes­sern: Wie­wol mir und mein Nach­ku­men will ge­püe­ren, täg­lich di­se Ord­nung mit Vleis zu pes­sern und all­so im We­sen zu hal­ten. Doch hab ich es da­hin ge­pracht, das, wer ime di­ser Ord­nung will vleis­sig war­ne­men, leicht­lich kan al­le brief­li­che Urk­hundt gmay­ne Stat be­lan­gend. Die Ein­hal­tung der Ar­chi­v­ord­nung hän­ge aber we­sent­lich vom Rat der Stadt selbst ab. Es lie­ge an den Rats­her­ren, nie­man­dt die­ser Ord­nung un­er­far­nen dar­in zu grü­pln und su­chen nach sei­nem Ge­fal­len zu ge­stat­ten. Fak­tisch reg­te Wä­ckin­ger da­mit so­gar schon ei­ne Be­nut­zer­ord­nung für das städ­ti­sche Ar­chiv an.

Aus dem Re­gis­ter geht her­vor, wo die Ak­ten auf­be­wahrt wur­den und – was für uns heu­te noch we­sent­lich wich­ti­ger ist – wel­che Ur­kun­den und Schrift­stü­cke da­mals über­haupt vor­han­den wa­ren. Es wa­ren so vie­le Ak­ten, dass sie in drei Räu­men des Rat­hau­ses un­ter­ge­bracht wa­ren, die al­ler­dings nicht aus­schlie­ß­lich für Ar­chiv­zwe­cke ge­nutzt wur­den.

Die meis­ten Ak­ten­be­stän­de wa­ren im feu­er­fes­ten Ge­wölb des Rat­hau­ses zu fin­den. Hier wa­ren die wich­tigs­ten Ur­kun­den si­cher ver­wahrt in ei­ner klei­nen Tru­he, in ain Trüh­len, dar­in gmay­ner Stat Frey­haitn, Con­fir­ma­tio­nen (Be­stä­ti­gun­gen), auch et­lich an­der Brieff und alt Ge­dächt­nus Re­cess (Ver­trä­ge), Urtl (Ur­tei­le), Be­velh (Be­feh­le), nit we­ni­ger dann die Frey­haitn zu ver­warn und sind in­s­und­er­hait in ire drei Titln (Ti­tel) auf­ge­taillt. Ei­ne gro­ße al­te Tru­he ent­hielt die al­ten Steu­er­bü­cher der Stadt. In ei­ner schwar­zen Tru­he la­gen die Kir­chen­brie­fe so­wie al­les, was den Ab­lass be­traf und was sych ye zu­zeitn mit denn Pfar­herrn be­ge­ben. In ei­ner wei­te­ren Tru­he be­fan­den sich die Spi­talbrie­fe. In vier klei­nen Tru­hen wur­den die Brie­fe über Weg und Steg, über die Sankt Os­wald-Ka­pel­le und das Bru­der­haus, über die Sankt Eras­mus-Ka­pel­le und die Feld­sie­chen (das Le­pro­sen­haus) so­wie die Ak­ten über die Amts­hand­lun­gen der Stadt­kam­me­rer auf­be­wahrt. Schlie­ß­lich gab es noch ei­nen gro­ßen Kas­ten mit vie­len Schub­la­den, auf de­nen der In­halt ver­zeich­net war. Was ge­nau dar­in ent­hal­ten war, geht aus dem Re­per­t­ori­um nicht her­vor.

In der grossn Stubn, dem Fest­saal des Rat­hau­ses, stan­den eben­falls zwei gro­ße Tru­hen mit Ar­chi­va­li­en. Ei­ne ent­hielt Kir­chen- und Spi­tal­rech­nun­gen, die an­de­re die Rech­nun­gen der städ­ti­schen Äm­ter.

Ne­ben der gro­ßen Stu­be war ein Schreibst­ü­b­len, das Amts­zim­mer des Stadt­schrei­bers. Hier wur­den in ei­nem gro­ßen Kas­ten die lau­fen­den Ak­ten auf­be­wahrt, so al­le Schrift­stü­cke, die ein­zel­ne Bür­ger bzw. Frem­de be­tra­fen, z. B. Vor­mund­schafts­sa­chen usw. Ein klei­ne­rer Kas­ten ent­hielt al­le Hand­werks­ord­nun­gen der Stadt. In ei­nem zwei­ten klei­nen Kas­ten wa­ren Ab­schrif­ten der wert­vol­len Ur­kun­den über die Stadt­frei­hei­ten aus dem Ge­wöl­be. Sie hat­te man an­ge­fer­tigt, da­mit man nicht im­mer das Ori­gi­nal in die Hand neh­men muss­te. In die­ser Schreib­stu­be lag si­cher auch das von Wä­ckin­ger zu­sam­men­ge­stell­te Ar­chi­v­re­per­t­ori­um griff­be­reit.

Die Auf­zäh­lung macht deut­lich, wel­che Amts­hand­lun­gen da­mals ih­ren Nie­der­schlag in Ak­ten­be­stän­den ge­fun­den ha­ben. Gä­be es die­se Be­stän­de heu­te noch, könn­ten vie­le Fra­gen der mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­ge­schich­te um­fas­sen­der be­ant­wor­tet wer­den. Lei­der sind be­son­ders im Drei­ßig­jäh­ri­gen Krieg, aber auch noch spä­ter zahl­rei­che Be­stän­de durch Plün­de­run­gen und Brand­schat­zun­gen oder ein­fach durch un­sach­ge­mä­ßen Um­gang ver­nich­tet wor­den.

Ver­glei­chen wir Wä­ckin­gers Re­per­t­ori­um mit dem heu­ti­gen Ar­chiv­be­stand, wer­den die un­wie­der­bring­li­chen Ver­lus­te sicht­bar, die seit­dem ein­ge­tre­ten sind. Von den bei ihm auf­ge­zähl­ten Ak­ten­be­stän­den ist fast nichts er­hal­ten. Le­dig­lich ein­zel­ne Vor­mund­schafts- und Ge­richts­ak­ten so­wie ei­ni­ge die Kir­che be­tref­fen­de Vor­gän­ge aus dem 14. und vom Be­ginn des 15. Jahr­hun­derts sind noch vor­han­den. Die Rech­nun­gen des Ka­tha­ri­nen­spi­tals rei­chen bis 1551 zu­rück. Steu­er­rech­nun­gen lie­gen erst ver­ein­zelt seit 1559, Salz­rech­nun­gen frü­hes­tens von 1572, Weg- und Steg­amts­rech­nun­gen seit 1600, Stadt­bau­amts­rech­nun­gen seit 1602, Rech­nun­gen der La­tein­schu­le seit 1603, Brück­amts­rech­nun­gen seit 1604, Zie­gel-Amts­rech­nun­gen seit 1606 und Stadt­kam­mer­rech­nun­gen so­gar erst seit 1618 vor. Auch Rats­pro­to­kol­le ha­ben sich nur ei­ni­ge we­ni­ge aus dem 16. Jahr­hun­dert – aus den Jah­ren 1555/56 und 1569/71 – bis auf den heu­ti­gen Tag er­hal­ten.

Wä­ckin­ger hat­te al­so al­le Ak­ten klas­si­fi­ziert, mit Un­ter­ti­teln ver­se­hen und da­mit ei­ne mus­ter­gül­ti­ge Ord­nung her­ge­stellt. Er führ­te auch schon ei­ne Tren­nung zwi­schen den wert­vol­len Ar­chiv­be­stän­den in dem Trüh­len und der Re­gis­tra­tur der lau­fen­den Vor­gän­ge ein. Man könn­te ihn des­halb als ers­ten gleich­sam wis­sen­schaft­lich ar­bei­ten­den Stadt­ar­chi­var Deg­gen­dorfs be­zeich­nen. Wie auch in an­de­ren Städ­ten zu be­ob­ach­ten, hat­te er als Schrei­ber frem­der Her­kunft be­son­de­re Ak­ti­vi­tät bei die­ser Ord­nungs­ar­beit ent­wi­ckelt. Die Ur­sa­che hier­für liegt dar­in, dass sich die­se als Nicht­ein­hei­mi­sche be­son­ders ein­le­ben und sich über den ge­sam­ten Stand der Ver­wal­tung und Po­li­tik der Stadt von ih­ren Aus­gangs­punk­ten ab un­ter­rich­ten muss­ten, manch­mal auch, weil sie aus ih­rer Er­fah­rung an an­de­rem Ort Ver­bes­se­run­gen ein­füh­ren woll­ten.

Wä­ckin­ger als Ge­schichts­schrei­ber
Von ei­nem Stadt­schrei­ber wur­de er­war­tet, dass er die Ge­schich­te der Stadt auf­schrieb, in der er be­am­tet war. Auch Wä­ckin­ger kam die­ser Ver­pflich­tung nach, wo­bei er sich auch bei die­ser Tä­tig­keit sei­nem Schwur ge­treu von Wohl und We­he der Stadt Deg­gen­dorf lei­ten ließ. Von ihm stam­men die ers­ten kur­zen Auf­zeich­nun­gen zur Stadt­ge­schich­te, die na­tür­lich quel­len­kri­tisch ge­le­sen wer­den müs­sen. Ne­ben in­ter­es­san­ten und zu­tref­fen­den Mit­tei­lun­gen über die frü­he Ge­schich­te der Stadt, die wir wo­an­ders nicht fin­den, ist nicht we­nig Le­gen­den­haf­tes und Spe­ku­la­ti­ves in sei­nen Aus­füh­run­gen ent­hal­ten. Er selbst konn­te nicht al­le Be­haup­tun­gen an Hand von Quel­len nach­wei­sen, war viel­mehr auf Hö­ren­sa­gen, auf münd­li­che Über­lie­fe­run­gen an­ge­wie­sen. So schrieb er: Von An­fang und Ur­sprung der Stat Dek­henn­dorff ist un­ge­wis zu schrei­ben, aus nach­vol­gun­den Ur­sa­chen ver­hin­dert. Dann vor et­lich und zway­hun­dert Jarn, der Zeit Hert­zog Hain­ri­chen des Ell­tern in Bayrn, ain gros­se Prunst die Stat zue me­rern Tayll ver­zert... Die­ses Feu­er ist so häff­tig ge­west, das auch die Stat­maur er­n­ider­gan­gen und den Gra­ben ver­schütt. Da­bey zu ge­denk­hen, das in der­sel­ben Prunst die al­ten Mo­numentn und brief­flichn Urk­hun­den, dar­in zwey­fells on ain me­rer Glau­ben het mö­gen be­fun­den wer­den, ver­dor­ben ... Ich (ha­be) kaum zwen oder drey Brieff, dar­an et­was ge­le­gen, die vor der Prunst auf­ge­richt, bey gmay­ner Stat be­fun­den.

Das Feh­len schrift­li­cher Quel­len führ­te Wä­ckin­ger au­ßer auf die Feu­ers­brunst und die Un­acht­sam­keit der Vor­fah­ren auch dar­auf zu­rück, dass bei ih­nen vil mer in Ge­dächt­nus und gue­ter Ue­bung dann in Brief­fen ge­hebt. Glau­ben und Trau­en war bey inen mer denn Brieff und Sigl. Wenn das auch über­zo­gen for­mu­liert ist, so ist im Kern doch rich­tig, dass an­fangs das Ge­wohn­heits­recht ei­ne be­deu­ten­de Rol­le im städ­ti­schen Le­ben ge­spielt hat, dass der Zeu­gen­be­weis für wich­ti­ger als ein Ur­kun­den­be­weis an­ge­se­hen wur­de.

Im an­schlie­ßen­den Ver­zeich­nis führ­te Wä­ckin­ger zwei Brie­fe des Her­zogs Hein­rich XIV. des Äl­te­ren (1310 – 39) aus dem Jah­re 1333 auf, mit de­nen die Stadt in An­se­hung der gross­sn Prunst und Kriegs bzw. we­gen dem gros­sen Scha­den, in Prunst er­lit­ten, be­son­de­re Frei­hei­ten er­hielt, u.a. das kain Vitz­domb mit de­nen von Dek­hen­dorff ychts zu schaf­fen ha­be. Ein Viz­tum (von vice­do­mus = Stell­ver­tre­ter des Lan­des­herrn) durf­te al­so den Deg­gen­dor­fern nach dem gro­ßen Stadt­brand kei­ne An­wei­sun­gen ge­ben, son­dern nur der Her­zog selbst. Her­zog Al­brecht I. (1353 – 1401) er­ließ der Stadt 1357 sechs Jah­re lang und 1358 auf wei­te­re vier Jah­re die hal­be Steu­er (fünf­zig Pfund Re­gens­bur­ger Pfen­nig), 1374 für zwei Jah­re und 1382 für zehn Jah­re so­gar die ge­sam­te ge­wöhn­li­che Jah­res­steu­er von hun­dert Pfund Pfen­nig, da­mit sie sich von Schul­den be­frei­en, Stadt­mau­er und -gra­ben schnel­ler aus­bes­sern und die Stra­ßen pflas­tern konn­te. Die­se bei Wä­ckin­ger auf­ge­führ­ten Brie­fe aus den Jah­ren 1357, 1358, 1374 und 1382 wur­den von Ger­les­tö­ter nicht er­wähnt. Sie hat­ten kei­ne ak­tu­el­le Be­deu­tung mehr, da der Sohn Al­brecht I., Her­zog Al­brecht II., be­reits 1390 die­se Steu­er­be­frei­ung wie­der auf­ge­ho­ben hat­te, was wie­der­um von Wä­ckin­ger nicht des Er­wäh­nens für wert ge­fun­den wur­de. Die bei Wä­ckin­ger ver­zeich­ne­ten Do­ku­men­te sind aber für die Stadt­ge­schich­te in­so­fern von gro­ßer Be­deu­tung, als da­durch ab­zu­le­sen ist, dass nach ei­nem hal­ben Jahr­hun­dert die Schä­den des ver­hee­ren­den Stadt­bran­des von 1332 im­mer noch nicht über­wun­den wa­ren.

Wenn Wä­ckin­ger die­se Un­ter­stüt­zung durch Her­zog Al­brecht nicht nur mit der Feu­ers­brunst, son­dern auch mit dem Huss­nkrieg (Hus­si­ten­krieg) in Ver­bin­dung brach­te, ver­ließ er den Bo­den his­to­ri­scher Tat­sa­chen. Der Stadt­brand von 1332 hing mit dem Erb­fol­ge­krieg zwi­schen den baye­ri­schen Her­zö­gen Hein­rich XIV. und Hein­rich XV. zu­sam­men. Die Be­we­gung der Hus­si­ten be­gann erst nach der Ver­bren­nung von Jan Hus als Ket­zer 1415 in Kon­stanz. Ab 1420 kam es zu mi­li­tä­ri­schen Aus­ein­an­der­set­zun­gen und ei­ni­ge Jah­re spä­ter un­ter­nah­men die Hus­si­ten Kriegs­zü­ge in die an­gren­zen­den deut­schen Län­der, nach Po­len und in die Slo­wa­kei. Es gibt kei­nen si­che­ren Be­leg da­für, dass sie da­bei in Deg­gen­dorf Zer­stö­run­gen an­rich­te­ten. Aber die von den Hus­si­ten ver­ur­sach­ten Ver­wüs­tun­gen in Ost­bay­ern hat­ten sich tief in das Be­wusst­sein der Men­schen die­ser Re­gi­on ein­ge­gra­ben, so dass auch Wä­ckin­ger den gro­ßen Stadt­brand von 1332 mit den Hus­si­ten in Ver­bin­dung brach­te. Dass die Hus­si­ten Deg­gen­dorf bei ih­rem Ein­fall in Ost­bay­ern im Jah­re 1430 ver­schon­ten, er­schien den Men­schen da­mals als Wun­der, wor­an noch heu­te die Hus­si­ten­säu­le in der Stadt-Au er­in­nert. Nach ei­ner über­lie­fer­ten Sa­ge ha­be der Stadt­pfar­rer den Feind ge­blen­det, in­dem er ihm das hei­li­ge Mi­ra­kel aus der Grab­kir­che ent­ge­gen­ge­hal­ten ha­be. Im 19. Jahr­hun­dert wur­de die Le­gen­de von der Be­la­ge­rung Deg­gen­dorfs durch die Hus­si­ten auch in den Zu­sam­men­hang der Knö­del­sa­ge ge­stellt. Aber auch noch En­de der fünf­zi­ger Jah­re des 20. Jahr­hun­derts wur­den Wä­ckin­gers Aus­sa­gen über den Hus­sen­krieg kri­tik­los über­nom­men.

Wie auch manch Stadt­schrei­ber und Ar­chi­var nach ihm war Wä­ckin­ger ver­ständ­li­cher­wei­se be­müht, ein mög­lichst ho­hes Al­ter der Stadt nach­zu­wei­sen: Dem Be­dün­ken von Ab­ne­mung her ist leicht­lich zu ge­lau­ben, das Deg­khen­dorff mit sei­nem Al­ter kai­ner oder doch nit vil Stetn im Landt Bayrn nach­ste­he. Das be­wie­sen die altn Ge­päu der Pfar­kürchn aus­ser­halb und Sant Mart­hains­kür­chen in der Stat, auch die un­ge­wond­lich Höch der Stat­maur. Heu­te wis­sen wir, dass Deg­gen­dorf als An­sied­lung nicht jün­ger als vie­le an­de­re baye­ri­sche Städ­te war, ei­ne gan­ze Rei­he von ih­nen aber als Stadt ein hö­he­res Al­ter als Deg­gen­dorf auf­wei­sen kön­nen. Selbst wenn wir Re­gens­burg und Pas­sau, die zu Wä­ckin­gers Zei­ten nicht zum Lan­de Bay­ern ge­hör­ten, aus­klam­mern, wä­ren da Kel­heim, Lands­hut, Cham, Strau­bing, Land­au, Er­ding oder auch Mün­chen zu nen­nen. Da ihm Quel­len, die über das Jahr 1300 zu­rück­reich­ten, fehl­ten, hat­te Wä­ckin­ger of­fen­sicht­lich kei­ne kla­ren Vor­stel­lun­gen über die äl­te­re Ge­schich­te der Stadt Deg­gen­dorf.

So führ­te er als wei­te­res Ar­gu­ment für das Al­ter der Stadt an, dass die Judn all­hie ge­wonnt, welch doch Inn­halt der al­ten Chro­nikh oder Zeit­püe­cher, do nun die Crist­nhait erst­lich an­pro­chen und ein­ge­wurt­zt, et­wo nit leicht­lich ha­ben mö­gen von Neu­em bey den Cris­ten Ein­ku­men und Wo­nung fin­den ma­chen, on al­lain in welchn Stätn, sy von iren Ell­tern heer und gar aus lan­gen Inn­ha­ben Wo­nung ge­habt und von irem Inn­ha­ben nit lie­der­lich ha­ben mö­gen ver­tri­ben wer­den. Als Kind sei­ner Zeit folg­te er der über­lie­fer­ten Le­gen­de von der Hos­ti­en­schän­dung durch die Ju­den, stell­te aber zu­gleich ein­schrän­kend fest: Aber von dem Wun­der­zai­chen des Hoch­wir­di­gen Sa­cra­ments und wie die Judn da­mit iren Mu­et­wil­len ver­pracht, dess dann al­le Cro­nik­hen ge­denk­hen, findt man sich aus­ser­halb der­sel­ben nichts Glaub­wir­digs. Er be­rief sich le­dig­lich auf ei­nen Brief des Her­zogs Hein­rich XIV. des Äl­te­ren aus dem Jah­re 1338, des­sen In­halt er im Re­gest fol­gen­der­ma­ßen wie­der­gab: Nach­dem die von Dek­henn­dorff die Judn ver­prennt und ver­derbt he­ten, der­hal­ben in Un­gnadt ku­men, gibt di­ser Fürst inen und dem Rich­ter der Zeit Con­radn Frey­ber­ger do­selbs wi­der­umb Landt­shult und Gnadt. So nun aber baidt an­an­der, die von Dek­henn­dorff und die Judn do­selbs, ver­clagt umb das die Stat denn Judn vil gen­u­men, auch die Judn vil Brieff, Pfandt unnd Schuldn, denn Bur­gern ge­hö­rig, in­nen hetn. Al­so schafft der Fürst al­le Sa­chen hin und ab. Wer vil hab, der be­haldt es. Hebt al­so denn Stritt ge­gen­ai­nann­der auff. Die Stadt Deg­gen­dorf und der Rich­ter Con­rad Frey­ber­ger sind al­so für die Ju­den­er­mor­dung beim Her­zog in Un­gna­de ge­fal­len, aber kurz dar­auf be­gna­digt wor­den. Die An­sprü­che der ver­folg­ten und be­raub­ten Ju­den wur­den ge­gen die Pfand­brie­fe und Schuld­schei­ne der Bür­ger auf­ge­rech­net und da­mit als er­le­digt er­klärt. Die­ser wie ein Ver­gleich aus­se­hen­de Spruch des Lan­des­herrn war ei­ne ein­sei­ti­ge Par­tei­nah­me für die Stadt Deg­gen­dorf, da die aus­ge­plün­der­ten Ju­den da­bei leer aus­gin­gen.

Aus Wä­ckin­gers Auf­zeich­nun­gen er­fah­ren wir nicht nur die ak­tu­el­le An­zahl der Rats­mit­glie­der, son­dern auch die frü­he­rer Zei­ten. 1316, wäh­rend der Re­gie­rungs­zeit der Her­zo­gin Agnes wa­ren es sechs, vier Jah­re spä­ter, un­ter ih­ren Nach­fol­gern Otthein­rich (Hein­rich XV. der Nat­tern­ber­ger 1312 – 33) und Ot­to IV. (1310 –34) wa­ren es be­reits acht Rats­her­ren. Ein Äu­ße­rer Rat war nach Wä­ckin­gers Durch­sicht al­ter Un­ter­la­gen da­mals nicht vor­han­den, denn es wür­de dort im­mer nur von den Ach­ten des Rats ge­spro­chen. Er hat aber nicht ge­nau ge­le­sen, denn schon in dem von der Her­zo­gin Agnes am 11. Ja­nu­ar 1316 aus­ge­stell­ten Be­stä­ti­gungs- und Frei­heits­brief wur­de von den Sechs des In­nern Rad­ts ge­spro­chen, was auch ei­nen Äu­ße­ren Rat vor­aus­setzt. Das ent­spricht der La­ge in an­de­ren baye­ri­schen Städ­ten, in de­nen im 14. Jahr­hun­dert ein Äu­ße­rer Rat ge­bil­det wur­de.

Bis 1425 ha­be es nach Wä­ckin­ger auch kein Rat­haus der Stadt ge­ge­ben. In die­sem Jahr kauf­te die Stadt von Ru­ger Pfeil zu Hasl­bach das als Rat­haus ge­nutz­te Haus samt dem clai­nen Heus­len hin­den dar­an für 150 Pfund Re­gens­bur­ger Pfen­nig, das zu Wä­ckin­gers Amts­zeit durch den Rat­haus­neu­bau auf dem Stadt­platz er­setzt wur­de. Es stand rechts am Ein­gang zur Pfleg­gas­se. Ge­gen­über, wo sich heu­te die Buch­hand­lung Högn be­fin­det, war nach ei­ner an­de­ren Über­lie­fe­rung je­doch frü­her ein noch äl­te­res Rat­haus, in dem seit 1425 die Stadt­schrei­ber­woh­nung und das Ar­chiv Platz ge­fun­den hat­ten.

Wä­ckin­ger hob den Wohl­stand der Deg­gen­dor­fer Bür­ger in der Ver­gan­gen­heit her­vor, der sich dar­in ma­ni­fes­tie­re, dass seit zwei Jahr­hun­der­ten Jahr für Jahr 100 Pfund Pfen­nig Stadt­steu­er ein­ge­bracht wer­de. Wenn man be­den­ke, dass dem ytzi­gen (heu­ti­gen) Ver­mü­gen und Gwerb söl­che Steur zu hoch, kön­ne man erst rich­tig er­mes­sen, was für ain ver­müg­li­che Bur­ger­schaft vor All­ter hie ge­west. Er for­der­te auf, sol­che Fak­ten aus der Ver­gan­gen­heit zur Aus­prä­gung des Stol­zes auf die ei­ge­ne Stadt in der Ge­gen­wart zu nut­zen: Der­mas­sen Lob und eer­li­cher Wandl der Vor­ell­tern di­ser Stat soll bil­li­chen all ir Nach­ku­men und In­wo­ner mit Ey­fer der vät­ter­lichn Tu­gend zu Nach­vol­gung und Gros­müetg­kait nach Vers­tannt und eer­li­chen Ta­ten rait­zen und zie­hen. Dann un­ser Vat­ter und Vor­ell­tern Tu­gent, Vers­tanndt, Le­ben ist nichts an­ders dann ein ewi­ger Spiegl der Nach­ku­men­hait und wie vor­ge­schrib­ne Regl und Ord­nung un­sers Le­bens. Da­von herraicht zu glei­cher Weis wie der Schein von ai­nem Licht, das noch heudt der­zeit die Stat Dek­hen­dorff, bey Fremb­den mer als In­wo­ner, von Ehe­ren, Tu­gend, Vers­tanndt und Ai­nig­kait ge­lobt und ge­preist wirdt. Wä­ckin­ger be­kann­te sich in sei­ner Ge­schichts­schrei­bung al­so aus­drück­lich zu den be­wusst­seins­bil­den­den Po­ten­zen der Ge­schich­te.

Ma­gis­ter Paul Wä­ckin­ger und sei­ne Fa­mi­lie
Wer war der Au­tor die­ses ers­ten, so wich­ti­gen Ar­chi­v­re­per­t­ori­ums der Stadt Deg­gen­dorf? Die er­hal­te­nen ar­chi­va­li­schen Nach­rich­ten über ihn sind spär­lich. In der Deg­gen­dor­fer Über­lie­fe­rung wird er un­ter dem Fa­mi­li­en­na­men Wackin­ger ge­führt. So hei­ßt auch die im Jah­re 1958 ihm zu Eh­ren ge­nann­te Stra­ße Wackin­ger­stra­ße. Da er sich aber sel­ber ein­deu­tig Wäk­hin­ger schrieb und an­de­re be­kann­te Schreib­wei­sen auf Wäck­hin­ger, We­ckin­ger, Weck­hin­ger oder Wä­ckin­ger lau­ten, wird er im vor­lie­gen­den Auf­satz im­mer Wä­ckin­ger ge­nannt. Au­ßer dem Re­per­t­ori­um sind im Stadt­ar­chiv Deg­gen­dorf lei­der kei­ne wei­te­ren Do­ku­men­te von sei­ner Hand er­hal­ten.

Paul (Pau­lus) Wä­ckin­ger üb­te von 1534 bis 1538 das Amt des Stadt­schrei­bers in Deg­gen­dorf aus. Wo er vor­her tä­tig war, in wel­cher Kanz­lei oder bei wel­chem Stadt­schrei­ber er sich die Grund­kennt­nis­se in der Ver­wal­tungs­ar­beit an­eig­ne­te, ist un­be­kannt. Die Be­herr­schung der Schreib­kunst, ei­ne ge­wis­se Pra­xis als Kanz­lei­sch­rei­ber und Er­fah­rung in ju­ris­ti­schen An­ge­le­gen­hei­ten wur­den bei ei­ner Be­stal­lung zum Stadt­schrei­ber im­mer vor­aus­ge­setzt, so dass Deg­gen­dorf si­cher nicht sein ers­ter An­stel­lungs­ort war. Nach Wolf­gang Boet­ti­cher tat Wä­ckin­ger auch in Mün­chen und Er­ding Dienst, lie­fert da­für aber kei­nen Be­leg.

Schon auf Emp­feh­lung Kai­ser Si­gis­munds (1411 – 37) soll­ten als Stadt­schrei­ber nur noch stu­dier­te Ju­ris­ten an­ge­stellt wer­den. Vie­le Städ­te ta­ten sich mit der Er­fül­lung die­ser Emp­feh­lung schwer und ka­men ihr erst vie­le Jahr­zehn­te spä­ter nach. Wä­ckin­ger scheint der ers­te aka­de­misch ge­bil­de­te Stadt­schrei­ber in Deg­gen­dorf ge­we­sen zu sein. Er war nach ei­ge­ner Aus­sa­ge von Ju­gent auff in ho­hen Schue­len mit gros­ser Ye­bung der Spra­chen er­zo­gen wor­den und hat­te im Un­ter­schied zu vie­len da­ma­li­gen Stadt­schrei­bern den Ma­gis­ter­grad er­wor­ben, was min­des­tens vom Ab­schluss der Ar­tis­ten­fa­kul­tät zeug­te. Über ei­nen ju­ris­ti­schen Ab­schluss ver­füg­te er nicht. Wel­che Uni­ver­si­tät er be­sucht hat­te, ist nicht be­kannt. Ver­mut­lich war es aber die in In­gol­stadt. Mit Wä­ckin­ger hat­te Deg­gen­dorf eher ei­nen stu­dier­ten Ma­gis­ter im Amt des Stadt­schrei­bers als die gro­ße Reichs­stadt Re­gens­burg, wo das erst ab 1544 der Fall war.

Es ist so gut wie si­cher, dass Wä­ckin­ger kein ge­bür­ti­ger Deg­gen­dor­fer war. Die üb­li­che Pra­xis war näm­lich, dass sich Aus­wär­ti­ge auf die Stel­le ei­nes Stadt­schrei­bers be­war­ben. Die Chan­cen auf ei­ne Be­stal­lung wa­ren grö­ßer, wenn der Be­wer­ber schon auf das er­folg­reich aus­ge­üb­te Amt des Stadt­schrei­bers in ei­ner klei­ne­ren Stadt ver­wei­sen konn­te. Für die Nach­fol­ge Wä­ckin­gers ging bei­spiels­wei­se ei­ne Be­wer­bung des Stadt­schrei­bers zu Din­gol­fing, Chris­tan Peer, in Deg­gen­dorf ein. Stadt­schrei­ber wur­de aber nicht er, son­dern Hans Steu­ber, ein sehr tüch­ti­ger Mann. Aus wel­chem Ort Wä­ckin­ger stamm­te, lässt sich auch nicht mehr fest­stel­len. Es dürf­te aber ei­ne Stadt mit La­tein­schu­le ge­we­sen sein, wel­che die not­wen­di­gen Vor­aus­set­zun­gen für den Be­such ei­ner Uni­ver­si­tät ge­legt hat­te. Ei­ni­ges deu­tet dar­auf hin, dass die Fa­mi­lie Wä­ckin­ger in Lands­hut be­hei­ma­tet war. Dort sind im 16. Jahr­hun­dert ei­ne gan­ze Rei­he Wä­ckin­ger nach­weis­bar, die das Schenk­recht be­sa­ßen. Wä­ckin­ger be­zeich­ne­te sich selbst on­an­ge­se­hen gwind­lichs Standts, al­so ge­wöhn­li­chen Stands. Das muss aber über­haupt nicht zu­tref­fen. So wur­den da­mals auch An­ge­hö­ri­ger des Stadt­pa­tri­zi­ats mit­un­tern als be­schei­den an­ge­re­det. Die wei­ter un­ten an­ge­führ­ten Ehen sei­ner Kin­der und auch die Füh­rung ei­nes Wap­pens, wie es auf dem Epi­taph sei­ner Toch­ter Re­gi­na und ih­res Man­nes di Las­so zu se­hen ist, wi­der­spre­chen dem auch.

In der Vor­re­de zu sei­nem Ver­zeich­nis schrieb Paul Wä­ckin­ger, dass das Lob, al­so der Ruf der Stadt, ihn zum Dienst in Deg­gen­dorf be­wo­gen ha­be. Er wol­le auch künf­tig Frucht und Nutz sei­ner Stu­di­en beim Rat der Stadt an­le­gen. Die­se Aus­sa­ge darf nicht zu ernst ge­nom­men wer­den. Sie war wohl eher dar­auf be­dacht, sei­nen städ­ti­schen Dienst­her­ren zu schmei­cheln, denn bei nächst­bes­ter Ge­le­gen­heit ver­ließ Wä­ckin­ger das so ge­prie­se­ne Deg­gen­dorf. 1538 bot sich ihm die Mög­lich­keit, als Stadt­schrei­ber in die ge­gen­über Deg­gen­dorf we­sent­lich grö­ße­re zeit­wei­li­ge her­zog­li­che Re­si­denz­stadt Lands­hut zu wech­seln, was für ihn na­tür­lich ei­nen Auf­stieg be­deu­te­te. Hier in Lands­hut wirk­te er bis zu sei­nem To­de nach 1545 als ge­ach­te­ter Stadt­schrei­ber und wohn­te mit sei­ner Fa­mi­lie in der Stadt­schrei­ber­woh­nung di­rekt im Rat­haus.

Wä­ckin­ger ge­hör­te zu den hu­ma­nis­tisch ge­bil­de­ten Bür­gern sei­ner Zeit. Nicht nur er selbst war hoch ge­bil­det, son­dern auch sei­ne Frau und sei­ne Kin­der ver­füg­ten für die da­ma­li­gen Ver­hält­nis­se über ei­ne her­vor­ra­gen­de Bil­dung. Es ist nicht be­kannt, wann er ei­ne Fa­mi­lie grün­de­te und wie alt er da­mals war. Tat­sa­che ist al­ler­dings, dass er das Er­wach­sen­wer­den der meis­ten sei­ner Kin­der nicht mehr er­leb­te.

Sei­ne Wit­we Mar­ga­re­the wur­de seit 1557 in Mün­chen des Jun­gen Frey­len Zucht­mayste­rin, al­so Er­zie­he­rin der Toch­ter Her­zog Al­brechts V.(1550 – 79) ge­nannt, was oh­ne ent­spre­chen­de Bil­dung nicht mög­lich ge­we­sen wä­re. Mög­li­cher­wei­se hat­te sie vor­her schon in der Lands­hu­ter Stadt­re­si­denz des Her­zogs ge­dient und war dann an den Hof in Mün­chen ge­holt wor­den. Mar­ga­re­the Wä­ckin­ger er­hielt jähr­lich von der Hof­kas­se 50 Gul­den, 1579 so­gar 61 Gul­den und seit 1580 bis zu ih­rem To­de im Jah­re 1582 als Kam­mer­frau Her­zog Wil­helms V. (1579 – 97) 100 Gul­den. Als sie 1572 auf ei­ner Rei­se nach Wien er­krank­te, wur­de ihr ei­ne au­ßer­or­dent­li­che Un­ter­stüt­zung des Her­zogs ge­währt. Sie ver­moch­te ei­ne sehr in­ni­ge Be­zie­hung zur Her­zog­s­toch­ter Ma­ria (1551 – 1608) auf­zu­bau­en, so dass die­se sich noch als Frau des Erz­her­zogs Karl von Ös­ter­reich an­ge­le­gent­lich nach der alt Mar­ga­rett er­kun­dig­te.

Wä­ckin­gers Söh­ne folg­ten ihm in der Be­rufs­wahl. Alex­an­der üb­te 1571 bis 1574 wie sein Va­ter das Amt des Lands­hu­ter Stadt­schrei­bers aus, nach­dem er vor­her als Kanz­list am Mün­che­ner Hof tä­tig ge­we­sen war, wo er sich of­fen­sicht­lich der be­son­de­ren Gunst des Her­zogs er­freu­te, wie ver­schie­de­ne Zah­lungs­an­wei­sun­gen an­deu­ten. Sei­ne Ehe­frau Do­ro­thea Ja­ko­be Hei­ßham­me­rin hei­ra­te­te nach sei­nem früh­zei­ti­gen Tod den Lands­hu­ter Bür­ger­meis­ter Ge­org Fant­ner. Adam Weck­hin­ger, 1549/50 Ge­richts­schrei­ber in Lands­hut, an­schlie­ßend im sel­ben Am­te in Moos­burg war wohl ein äl­te­rer Sohn des al­ten Wä­ckin­ger. Er war in Moos­burg zu­gleich Zoll­ein­neh­mer. In sei­nem Le­bens­lauf schrieb er, dass sei­ne Mut­ter Mar­ga­re­the der jun­gen Fürs­tin in Bai­ern Leib­wart­te­rin war und sein Va­ter dem Her­zog Wil­helm IV. (1508 – 50) ge­dient ha­be. Über et­wai­ge Nach­kom­men bei­der Söh­ne ist nichts be­kannt.

Paul Wä­ckin­gers Töch­ter ver­mähl­ten sich mit Ver­tre­tern der ge­bil­de­ten Ober­schich­ten, vor­wie­gend mit Mu­si­kern. Ur­su­la hei­ra­te­te den Ge­richts­schrei­ber zu Er­ding, Bla­si­sus Troy­er. Bei­der Söh­ne wa­ren eben­falls Be­am­te: Paul Troy­er fürst­bi­schöf­li­cher Se­kre­ta­ri­us in Frei­sing und Jo­hann Wil­helm Troy­er Hof­ge­richt­s­ad­vo­kat in Mün­chen. Bar­ba­ra Wä­ckin­ger wur­de die Frau des Bas­sis­ten am Mün­che­ner Hof, Hans Vi­scher, ih­re ge­mein­sa­me Toch­ter An­na wie­der­um zwei­te Frau des Inns­bru­cker Hof­ka­pell­meis­ters Ja­cob Regn­art (um 1540 – 1600).

Wä­ckin­gers Toch­ter Re­gi­na hei­ra­te­te den Kom­po­nis­ten Or­lan­do di Las­so
Der pro­mi­nen­tes­te Schwie­ger­sohn Wä­ckin­gers war aber der Münch­ner Hof­ka­pell­meis­ter Or­lan­do di Las­so (1530/32 – 94), ei­ner der be­deu­tends­ten Kom­po­nis­ten des 16. Jahr­hun­derts, der im Som­mer 1558 sei­ne Toch­ter Re­gi­na ehe­lich­te. Re­gi­na Wä­ckin­ger, als Eh­ren­fräu­lein der Her­zo­gin, Her­zog­li­che Kam­mer­die­ne­rin oder Eh­ren­da­me des her­zog­li­chen Ho­fes ti­tu­liert, dien­te bei der Ge­mah­lin Al­brecht V. An­na von Ös­ter­reich. Die in Lands­hut ge­bo­re­ne Toch­ter Wä­ckin­gers war nach dem To­de des Va­ters mit ih­rer Mut­ter an den her­zog­li­chen Hof in Mün­chen ge­langt, wo Or­lan­do di Las­so sie ken­nen lern­te, als er 1557 als Te­n­orist an die Mün­che­ner Hof­ka­pel­le kam.

Or­lan­de de Las­sus, wie er ur­sprüng­lich hieß, stamm­te aus dem flä­mi­schen Mons. Im Al­ter von vier­zehn Jah­ren wur­de er als Chor­kna­be von Fer­ran­te Gon­za­ga, Feld­herr Kai­ser Karls V. und Vi­ze­kö­nig von Si­zi­li­en, nach Ita­li­en ent­führt, wo er sich zum Mu­si­ker und Kom­po­nis­ten ent­wi­ckel­te und sei­nem Na­men die uns be­kann­te ita­lie­ni­sche Form gab. Je nach­dem, ob er fran­zö­si­sche Chan­sons, ita­lie­ni­sche Ma­dri­ga­le oder la­tei­ni­sche Mo­tet­ten kom­po­nier­te, und in Ab­hän­gig­keit da­von, in wel­cher Spra­che er sei­ne Brie­fe schrieb, nann­te er sich aber auch Or­lan­do de Las­sus, Or­lan­dus Las­sus oder Or­lan­do Las­so. Au­ßer­dem trie­ben er und sei­ne Freun­de mit sei­nem Na­men in der ita­lie­ni­schen Form so man­ches Wort­spiel, wo­bei die ita­lie­ni­sche Be­deu­tung von las­so (mü­de) in zig Va­ri­an­ten ge­nutzt wur­de, zum Bei­spiel: Or­la­no las­so col cor non bas­so (Or­lan­do, mü­de, aber nicht mut­los); Or­lan­do las­so sen­za spas­so (Or­lan­do, mü­de, oh­ne Spaß); Or­lan­do las­so tut­te l’ho­re (Or­lan­do, stets mü­de).

Re­gi­na hat­te bei ih­rer Mut­ter das spar­sa­me Wirt­schaf­ten ge­lernt. Mar­ga­re­the Wä­ckin­ger hat­te mehr­fach Geld auf Zins an­ge­legt, 1575 so­gar 1 100 Gul­den auf ein­mal. Als selbst­be­wuss­te Bür­ge­rin stand Re­gi­na mit Um­sicht und Ge­schick ei­nem gro­ßen Haus­halt vor, der nicht nur die stän­dig wach­sen­de Fa­mi­lie um­fass­te, son­dern auch noch ein Dut­zend Chor­kna­ben und an­de­re Mu­sik­schü­ler, die tra­di­ti­ons­ge­mäß beim Ka­pell­meis­ter in Kost und Lo­gis wa­ren und von ihm un­ter­rich­tet wur­den. Re­gi­na ge­bar in der 35 Jah­re dau­ern­den Ehe ins­ge­samt sieb­zehn Kin­der, neun Söh­ne und acht Töch­ter, ei­ne auch für die da­ma­li­ge Zeit mit ih­rem rei­chen Kin­der­se­gen für ei­ne ein­zel­ne Frau au­ßer­or­dent­lich gro­ße Kin­der­zahl, wenn auch nicht al­le das Er­wach­se­nen­al­ter er­reich­ten. Die Zahl der üb­ri­gen Kost­gän­ger im Haus­halt muss­te des­halb auf drei re­du­ziert wer­den. Mit ih­rer eher nüch­ter­nen Art war Re­gi­na ein gu­tes Pen­dant zu der sorg­los-leicht­le­bi­gen, mit­un­ter aber auch welt­ab­ge­wandt-me­lan­cho­li­schen Art des Künst­lers di Las­so. Wolf­gang Boet­ti­cher for­mu­lier­te das so: Der Geist des al­ten Wä­ckin­ger, ei­nes durch sei­ne Red­lich­keit ge­schätz­ten mitt­le­ren Be­am­ten, ver­band sich nun mit dem ge­nia­len Künst­ler. Für Las­so war die­se bür­ger­lich-nüch­ter­ne Welt ein nütz­li­cher Aus­gleich.

Re­gi­nas prak­ti­schem Sinn und ef­fek­ti­vem Wirt­schaf­ten war es mit zu ver­dan­ken, dass die Fa­mi­lie ih­ren Wohl­stand aus­bau­en und ih­ren Haus- und Grund­be­sitz lau­fend ver­grö­ßern konn­te. Sie hielt das Geld zu­sam­men, so dass sich Or­lan­do et­wa zur Be­glei­chung von Spiel­schul­den Geld von sei­ner Frau bor­gen muss­te. Stän­dig sporn­te sie ih­ren Mann zur Ar­beit an. Was die Ar­beit be­trifft, so sagt mei­ne Frau im­mer wie­der, Du mu­ßt ar­bei­ten und dei­ne Pflicht tun, schrieb di Las­so am 28. März 1575. 1567 und 1581 kauf­te Or­lan­do mit Un­ter­stüt­zung des Her­zogs zwei Häu­ser in der Gag­ge­nau, dem heu­ti­gen Platzl, in ei­ner vor­neh­men Wohn­ge­gend, wo die her­zog­li­chen Spit­zen­be­am­ten wohn­ten. Grund­be­sitz er­warb er in der Le­hel vor den To­ren Mün­chens, in der Hof­mark Mai­sach, Ge­richts­be­zirk Dach­au, bei Putz­brunn, Ge­richts­be­zirk Wolfrats­hau­sen, in (Schön-)Gei­sing an der Am­per, Pfarr­be­zirk Fürs­ten­feld, bei Gel­ting, Ge­richts­be­zirk (Markt) Schwa­ben und Er­ding. Durch Hand­ar­bei­ten für die her­zog­li­che Fa­mi­lie konn­te Re­gi­na das Fa­mi­li­en­ein­kom­men meh­ren. We­nig er­baut war sie, wenn sie als Lohn da­für wert­vol­len Schmuck er­hielt, den sie als Bür­ge­rin nicht tra­gen woll­te. Ihr Selbst­be­wusst­sein und auch ihr freund­schaft­li­ches Ver­hält­nis zu An­ge­hö­ri­gen des her­zog­li­chen Hau­ses war aber so groß, dass sie es wa­gen konn­te, ih­ren Un­mut dar­über dem Thron­fol­ger, dem spä­te­ren Her­zog Wil­helm V., ge­gen­über of­fen aus­zu­spre­chen. Vom ver­trau­ens­vol­len Um­gang mit der Her­zogs­fa­mi­lie zeug­te auch, dass die Her­zog­s­toch­ter Ma­ria 1569 Re­gi­nas Toch­ter An­na aus der Tau­fe hob. In ih­ren Brie­fen an Ma­ria konn­te sie of­fen ih­re per­sön­li­chen Sor­gen, z. B. über die schwe­re Er­kran­kung Or­lan­dos 1590, aus­spre­chen. Trotz ih­rer gro­ßen Be­las­tung durch den Haus­halt war Re­gi­na of­fen­sicht­lich auch ei­ne gu­te Ge­sell­schaf­te­rin. Or­lan­do und sie emp­fin­gen in ih­rem Haus des Öf­te­ren das Her­zog­spaar Wil­helm V. und Re­na­ta, wo­bei der Her­zog für die Kos­ten die­ser Be­su­che auf­kam. Zu ih­nen hat­ten di Las­so und sei­ne Frau Re­gi­na be­reits en­ge Be­zie­hun­gen auf­ge­baut, als Wil­helm V. noch als Kron­prinz in den Jah­ren 1568 bis 1579 auf der Burg Traus­nitz in Lands­hut re­si­dier­te. Or­lan­do di Las­so lei­te­te ne­ben der Mün­che­ner auch die dor­ti­ge Hof­ka­pel­le und hielt sich des­halb häu­fig in Lands­hut auf. Ver­schie­de­ne Ein­ga­ben an den Her­zog, die ver­spro­che­ne Leib­ren­te von 100 Gul­den und von der Hof­kam­mer ge­for­der­te Ge­halts­rück­zah­lun­gen in Hö­he von 707 Gul­den be­tref­fend, be­le­gen, dass Re­gi­na di Las­so auch als Wit­we für ih­re Rech­te ein­zu­ste­hen ver­stand. Sie starb sechs Jah­re nach ih­rem Gat­ten am 5. Ju­ni 1600.

Re­gi­na di Las­so präg­te auch ent­schei­dend die geis­ti­ge At­mo­sphä­re in ih­rer Fa­mi­lie mit. So war sie sel­ber be­le­sen, tausch­te ein­zel­ne Bü­cher mit der Prin­zes­sin Ma­ria aus. Ih­re Söh­ne wur­den wie der Va­ter ex­zel­len­te Mu­si­ker, zwei so­gar Kom­po­nis­ten. Fer­di­nand trat 1583 in die baye­ri­sche Hof­ka­pel­le ein, ver­trat den Va­ter bei Krank­heit, wur­de Hof­ka­pell­meis­ter in Hechin­gen (1585 bis 1590) und 1602 bis zu sei­nem To­de 1609 an der vor­ma­li­gen Wir­kungs­stät­te des Va­ters in Mün­chen. Ru­dolph, seit 1585 in der Hof­ka­pel­le, wur­de 1589 ers­ter Hof­or­ga­nist, 1609 auch her­zog­li­cher Hof­kom­po­nist. Er leb­te bis 1625. Ei­ni­ge sei­ner Wer­ke wur­den so­gar in Deg­gen­dorf auf­ge­führt. Ernst, ein drit­ter Sohn in der Hof­ka­pel­le, starb schon im Jah­re 1596. Ein wei­te­rer Sohn Jo­hann tauch­te 1598 als Te­n­orist in den Ab­rech­nun­gen der Hof­ka­pel­le auf, ist aber auch schon um 1600 in Ös­ter­reich ver­stor­ben. Die Toch­ter Re­gi­na hei­ra­te­te in ers­ter Ehe den kai­ser­li­chen Hof­ma­ler zu Prag, Hans von Aa­chen (1552 – 1615), in zwei­ter Ehe den Kunst­his­to­ri­ker Alex­an­der Abun­di. Die be­reits ge­nann­te Toch­ter An­na war in ers­ter Ehe mit dem her­zog­li­chen Kam­mer­die­ner Hans Maß, in zwei­ter Ehe mit W. Mundt­prodt ver­hei­ra­tet. Die spä­te­ren Nach­fah­ren di Las­sos wa­ren klei­ne her­zog­li­che Be­am­te. In der Ge­ne­ra­ti­on der Ur­ur­en­kel Las­sos starb der Fa­mi­li­en­na­me di Las­so um 1750 schlie­ß­lich aus.

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