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14.11.2013 12:01

Hin zu einer Deutsch-Plus-Kultur

„Fachtag Mehrsprachigkeit“ in der Fachakademie für Sozialpädagogik Deggendorf

Die Ak­teu­re des Fach­tags: (v.l.) Stell­ver­tre­ten­der Land­rat Jo­sef Fär­ber, Di­plom-Psy­cho­lo­ge Wil­fried Grie­bel, die Lei­te­rin der Fach­aka­de­mie El­frie­de-Ma­ria Hei­ning, Chris­ta Kie­fer­le, An­dré Ul­rich vom För­der­ver­ein so­wie Hel­mut Kai­ser, Pfar­rer Gott­fried Rösch und Cor­ne­lia Wohl­hü­ter vom Be­gleit­aus­schuss „ty­pisch Deg­gen­dor­f“.

Ak­tu­el­le The­ma­tik: Die Au­la der Fach­aka­de­mie für So­zi­al­päd­ago­gik war beim Fach­tag Mehr­spra­chig­keit gut ge­füllt.

Dass die Kin­der in den Krip­pen, Kin­der­gär­ten und Schu­len nicht mehr ein­spra­chig auf­wach­sen, son­dern mehr­spra­chig, ist Rea­li­tät. Mehr als 35 ver­schie­de­ne Na­tio­na­li­tä­ten sind im Land­kreis Deg­gen­dorf zu­hau­se. Mehr­spra­chi­ge Kin­der sind kei­nes­wegs ein Hin­der­nis, son­dern viel­mehr ei­ne gro­ßes Chan­ce für un­se­re Ge­sell­schaft. Der rich­ti­ge Um­gang mit die­ser Si­tua­ti­on ist ei­ne Her­aus­for­de­rung für Er­zie­her und El­tern. Beim „Fach­tag Mehr­spra­chig­keit“ wur­den die Stu­den­ten der Fach­aka­de­mie für So­zi­al­päd­ago­gik so­wie Fach­kräf­te aus Ein­rich­tun­gen und Schu­len in Deg­gen­dorf für die­ses The­ma sen­si­bi­li­siert.

Or­ga­ni­siert wur­de der Fach­tag von den „Freun­den und För­de­rern der Fach­aka­de­mie“. Fi­nan­zi­el­le Un­ter­stüt­zung gab es vom lo­ka­len Ak­ti­ons­plan „ty­pisch Deg­gen­dor­f“, ge­för­dert vom Bun­des­pro­gramm „To­le­ranz för­dern – Kom­pe­tenz stär­ken“. Ziel des Ak­ti­ons­plans ist es, Pro­jek­te zu un­ter­stüt­zen, die Of­fen­heit ge­gen­über an­de­ren Kul­tu­ren und die Be­geg­nung der Men­schen zum Ziel ha­ben. Or­ga­ni­sa­tor An­dré Ul­rich vom För­der­ver­ein konn­te da­her ne­ben Stell­ver­tre­ten­dem Land­rat Jo­sef Fär­ber und der Lei­te­rin des Fach­aka­de­mie El­frie­de-Ma­ria Hei­ning auch Ver­tre­ter des Be­gleit­aus­schus­ses von „ty­pisch Deg­gen­dor­f“ be­grü­ßen.

Ein Schwer­punkt von „ty­pisch Deg­gen­dor­f“ sei die För­de­rung von sprach­li­chen Kom­pe­ten­zen, er­läu­ter­te Stadt­rä­tin Cor­ne­lia Wohl­hü­ter als Ver­tre­te­rin der Stadt Deg­gen­dorf. Wie der evan­ge­li­sche Pfar­rer Gott­fried Rösch ist sie im Be­gleit­aus­schuss. „Mehr­spra­chi­ge Kin­der sind nicht die Aus­nah­me, son­dern in Zu­kunft der Nor­mal­zu­stan­d“, wies der Pfar­rer auf die Ent­wick­lun­gen in der Ge­sell­schaft hin. „Wir kön­nen es uns nicht leis­ten, ein­di­men­sio­nal zu sein, wir müs­sen bunt und viel­fäl­tig sein.“ Land­rat Jo­sef Fär­ber merk­te an, dass Deg­gen­dorf kürz­lich zur Bil­dungs­re­gi­on er­nannt wor­den sei. Ei­nes der Kern­the­men in den Ar­beits­grup­pen sei die Sprach­för­de­rung. „Sie leis­ten ei­nen wich­ti­gen Bei­trag für die Um­set­zung die­ses Ide­al­s“, wand­te er sich an die Fach­kräf­te.

Im Zen­trum des Fach­tags stan­den zwei Vor­trä­ge von Wis­sen­schaft­lern vom Staats­in­sti­tut für Früh­päd­ago­gik in Mün­chen. Chris­ta Kie­fer­le er­läu­ter­te die The­ma­tik Mehr­spra­chig­keit bei Kin­dern im All­ge­mei­nen, Di­plom-Psy­cho­lo­ge Wil­fried Grie­bel ging nä­her auf die An­for­de­run­gen beim Über­gang zum Schul­kind bei mehr­spra­chi­gen Kin­dern ein. Zeit zum Aus­tausch über das Ge­hör­te war bei ei­ner Pau­se mit Snacks aus ver­schie­de­nen Län­dern.

„Kommt ein fremd­spra­chi­ges Kind in ei­ne deut­sche Bil­dungs­ein­rich­tung, ist das so, wie wenn wir selbst in ein frem­des Land kom­men“, er­klär­te Chris­ta Kie­fer­le die Si­tua­ti­on für Kin­der aus fremd­spra­chi­gen Fa­mi­li­en in Krip­pen oder Kin­der­gär­ten. Mo­na­te daue­re es, bis sie Deutsch ver­ste­hen. „Die Kin­der füh­len sich ein­sam und zie­hen sich zu­rück. Ei­ni­ge ver­wei­gern sich völ­lig ih­rer Erst­spra­che und er­hof­fen sich so bes­se­re An­er­ken­nung.“ Den Kin­dern müs­se ver­mit­telt wer­den, dass auch ih­re Erst­spra­che wert­ge­schätzt wer­de. „Wenn wir wol­len, dass die Kin­der viel­spra­chig wer­den, ist es wich­tig, dass sie ih­re Erst­spra­che nicht ver­lie­ren.“ Es nüt­ze al­so nichts, wenn in fremd­spra­chi­gen Haus­hal­ten nur noch Deutsch ge­spro­chen wer­den. „Wir müs­sen weg von ei­ner Nur-Deutsch-Kul­tur zu ei­ner Deutsch-Plus-Kul­tur.“

In den meis­ten Fäl­len bei Kin­dern mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund wird die Erst­spra­che im All­tag münd­lich gut er­lernt. Zur Bil­dungs­spra­che in der Erst­spra­che ha­ben die Kin­der je­doch oft kei­nen Zu­gang. „Wir ver­ges­sen, dass die Kin­der An­spruch auf li­te­ra­le Sys­te­me in bei­den Spra­chen ha­ben.“ Die Kin­der müs­sen mit bei­den Schrift­sys­te­men ver­traut wer­den. Im Kin­der­gar­ten kann dies ge­leis­tet wer­den durch die An­schaf­fung von Bü­chern in ver­schie­de­nen Spra­chen oder durch die Ar­beit mit den Schrift­zei­chen.

„Kin­der kön­nen er­folg­reich zwei Spra­chen ler­nen, sie brau­chen da­für an­re­gen­de Um­ge­bun­gen.“ Ei­ne Ein­rich­tung kann aber kei­nen Sprach­un­ter­richt für so vie­le ver­schie­de­ne Spra­chen leis­ten. Des­we­gen müs­se mit den El­tern zu­sam­men­ge­ar­bei­tet und ei­ne „Bil­dungs­part­ner­schaf­t“ ein­ge­gan­gen wer­den: „Die El­tern müs­sen mit den Kin­dern die Erst­spra­che wei­ter­ent­wi­ckeln.“ Die Aus­ein­an­der­set­zung mit Schrift­spra­che in der Fa­mi­lie sei in al­len Fa­mi­li­en wich­tig, auch in den deut­schen.

Das Feh­len der Ver­traut­heit mit li­te­ra­len Sys­te­men kann beim Über­gang in die Grund­schu­le zum Pro­blem wer­den. „Wenn die Kin­der in den Ein­rich­tun­gen Deutsch ler­nen, gibt es nach zwei, drei Jah­ren kein Pro­blem bei den münd­li­chen Sprach­fer­tig­kei­ten. Das Kind kann dem Un­ter­richt gut fol­gen.“ So­bald es aber dar­um geht kom­ple­xe Tex­te zu er­fas­sen, zeigt sich, dass die Ent­wick­lung hier noch nicht auf dem Schul­ni­veau ist. Hier gilt es an­zu­set­zen. Die Fach­kräf­te konn­ten Im­pul­se für ih­ren Be­rufs­all­tag aus dem Fach­tag mit­neh­men. Im Zen­trum steht da­bei die Er­kennt­nis: Mehr­spra­chig­keit kann nur ge­lin­gen, wenn die Ge­sell­schaft of­fen da­für ist und das Po­ten­ti­al der Kin­der wert­schätzt. Und wenn al­le an ei­nem Strang zie­hen: Er­zie­her und El­tern.

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