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Von Stadtphysikussen, Röntgenologen und blutvollen Landärzten

Streif­lich­ter aus der Deg­gen­dor­fer Me­di­zin­ge­schich­te
Von Prof. Dr. Lutz-Die­ter Beh­rendt

Die Gro­ße Kreis­stadt Deg­gen­dorf be­sitzt mit ih­rem Kli­ni­kum, dem Be­zirks­kran­ken­haus Maink­ofen, ei­ni­gen Pri­vat­kli­ni­ken und rund 125 zu­ge­las­se­nen Ärz­ten und Zahn­ärz­ten ein ent­wi­ckel­tes Ge­sund­heits­sys­tem, in dem fast al­le ärzt­li­chen Spe­zi­al­dis­zi­pli­nen ver­tre­ten sind. Von der War­te des heu­te auf die­sem Ge­biet Er­reich­ten, das na­tür­lich den neu­en wis­sen­schaft­li­chen Er­kennt­nis­sen und me­di­zi­ni­schen Mög­lich­kei­ten ent­spre­chend ei­nes stän­di­gen Aus­baus be­darf, lohnt es sich auf die An­fän­ge zu­rück­zu­schau­en. Nur so sind die gro­ßen Fort­schrit­te in der me­di­zi­ni­schen Ver­sor­gung der Be­völ­ke­rung voll zu er­mes­sen, zu de­nen auch Deg­gen­dor­fer Ärz­te bei­ge­tra­gen ha­ben.

Die ers­ten Ge­sund­heits­ein­rich­tun­gen der Stadt wa­ren – wie in an­de­ren Städ­ten auch – Häu­ser, in de­nen Men­schen mit stark an­ste­cken­den Krank­hei­ten, die Sun­der­sie­chen, un­ter­ge­bracht wur­den. In Deg­gen­dorf wa­ren das ein Le­pro­sen­haus und ein Blat­tern­haus. Sie wa­ren kei­ne Kran­ken­häu­ser im heu­ti­gen Sin­ne mit ge­ziel­ter Be­hand­lung der Pa­ti­en­ten, son­dern Auf­be­wah­rungs­stät­ten für an Le­pra und an­de­ren ge­fähr­li­chen Seu­chen Er­krank­te, um die ge­sun­den Bür­ger der Stadt vor ei­ner An­ste­ckung zu schüt­zen. Ers­te Nach­rich­ten über ein Le­pro­sen­haus in De­cken­dorf lie­gen schon aus dem Jah­re 1421 vor. Es be­fand sich vor den To­ren der Stadt ab­seits der Do­nau­brü­cke auf dem Fel­de. Des­halb be­zeich­ne­te man in Deg­gen­dorf die von den Ge­sun­den ab­ge­son­der­ten Le­pra­kran­ken auch als Feld­sie­chen. Das Blat­tern­haus ist seit 1559 nach­ge­wie­sen. Bei­de Ein­rich­tun­gen wur­den als Stif­tun­gen ge­führt. So stif­te­te der Deg­gen­dor­fer Bür­ger Paul Prew 1469 den ar­men Sun­der­si­chen an der Stain­ri­ßen vnd irm pfle­ger Hann­sen Hir­sen für ewi­ge Zei­ten ei­ne jähr­lich am St. Mi­cha­els­tag (29. Sep­tem­ber) zu zah­len­de Geld­sum­me von 1 Pfund Re­gens­bur­ger Pfen­nig aus sei­nem Hof zu Si­cking.

Zur Be­hand­lung von Ver­let­zun­gen und klei­ne­rer Krank­hei­ten, zum Schröp­fen und Ader­las­sen gin­gen die Deg­gen­dor­fer Bür­ger im Mit­tel­al­ter und in der frü­hen Neu­zeit üb­li­cher­wei­se zu den Ba­dern, die oft zu­gleich Wund­ärz­te oder Feld­sche­rer wa­ren. Die hy­gie­ni­schen Ver­hält­nis­se in den Ba­de­stu­ben wa­ren nicht die bes­ten, und des öf­te­ren hol­te man sich ge­ra­de im Bad schlim­me Krank­hei­ten. Bei in­ne­ren Er­kran­kun­gen, schwe­ren Ver­let­zun­gen und un­er­klär­li­chen Schmer­zen be­te­te man zur Jung­frau Ma­ria und un­ter­nahm Wall­fahr­ten, wo­von zahl­rei­che Vo­tiv­ta­feln in der Wall­fahrts­kir­che „Ma­ria in der Ro­sen“ auf dem Gei­ers­berg bei Deg­gen­dorf zeu­gen. So dank­te der Deg­gen­dor­fer Bür­ger und Leh­rer Pe­ter Tur­ner der Jung­frau Ma­ria für die Traum­hei­lung von ei­ner un­be­kann­ten Krank­heit.

Erst im 17. Jahr­hun­dert wur­de in der Stadt zur Ge­sund­heits­vor­sor­ge und zur ärzt­li­chen Be­hand­lung ge­gen ein fes­tes Sa­lär von 100 Gul­den ein me­di­zi­nisch ge­bil­de­ter und stu­dier­ter Stadt­phy­si­kus an­ge­stellt. Na­tür­lich er­ziel­te die­ser durch sei­ne Pa­ti­en­ten­be­treu­ung in der frei­en Stadt- und Land­pra­xis, die den gan­zen Pfleg­ge­richts­be­zirk um­fass­te, wei­te­re Ein­nah­men.

Wel­che Auf­ga­ben hat­te der Stadt­phy­si­kus in Deg­gen­dorf? Das geht aus dem Be­stal­lungs­brief bzw. dem Ver­trag her­vor, den er bei Amts­an­tritt mit dem Rat der Stadt ab­schlie­ßen muss­te. Da­nach ob­lag ihm die Ober­auf­sicht über die hy­gie­ni­schen Zu­stän­de der Stadt. So hat­te be­rühr­ter Herr Stadt­phy­si­kus so­gleich die An­zeig zu ma­chen, in­so­fer­ne, falls durch Hal­tung un­rei­ner Stadt­gas­sen und Un­ter­las­sung, die­sel­ben zu räu­men, durch un­sau­be­re Rey­hen (Stra­ßen) und Ca­nä­le hie­durch ei­ne An­ste­ckung des Lufts und de­ßen Fau­lung zu be­sorg­li­chen Krank­hei­ten An­laß ge­ben wür­de. Er soll­te auch dar­auf ach­ten, dass von Er­kran­kun­gen des Viehs kei­ne Ge­fähr­dun­gen für den Men­schen aus­gin­gen. Die Apo­the­ke – sie war min­des­tens seit 1496 exis­tent und bis 1857 die ein­zi­ge Apo­the­ke am Ort – so­wie die dor­ti­gen Me­di­ka­men­te wa­ren all­jähr­lich und nach Be­fund auch öf­ter zu vi­si­tie­ren. Ein wach­sa­mes Au­ge soll­te er auf die Cur­i­run­gen der Ba­der und de­ren Haus­apo­the­ken ha­ben, die nach wie vor von vie­len Bür­gern auf­ge­sucht wur­den. 1793 gab es im­mer noch drei Ba­der in der Stadt, aber nur den ei­nen Stadt­arzt. Sie durf­ten klei­ne­re Weh­weh­chen, aber kei­ne in­ne­ren Krank­hei­ten be­han­deln.Auch kon­trol­lier­te der Stadt­phy­si­kus die Tä­tig­keit der Heb­am­men.

Ver­schie­de­ne Be­stim­mun­gen leg­ten fest, dass er sich in ers­ter Li­nie für die Stadt zur Ver­fü­gung hal­ten soll­te. Falls es in der Stadt und be­son­ders un­ter den Rats­mit­glie­dern Pa­ti­en­ten gab, durf­te er die Stadt nicht ver­las­sen und muss­te auf aus­wär­ti­ge Be­hand­lun­gen ver­zich­ten. Bei ei­ner mehr als drei Ta­ge dau­ern­den Rei­se über Land hat­te er zu­vor die Er­laub­nis des Stadt­käm­me­rers ein­zu­ho­len und nach der Rück­kehr sich so­fort bei ihm zu mel­den. Soll­te es un­ter den im Ka­tha­ri­nen­spi­tal le­ben­den äl­te­ren Mit­bür­gern zu Krank­heits­fäl­len kom­men, muss­te er dort Be­su­che ab­stat­ten. Ver­arm­te und mit­tel­lo­se Bür­ger war er ver­pflich­tet, gra­tis zu be­han­deln. Von Rei­chen und Ver­mö­gen­den konn­te er dem­ge­gen­über nach Bil­lig­keit und mit Dis­kre­ti­on ein ent­spre­chen­des Ho­no­rar für sei­ne Heil­maß­nah­men ver­lan­gen.

Der Stadt­phy­si­kus wur­de als wirk­li­cher Bür­ger auf­ge­nom­men, un­ter­stand der städ­ti­schen Ju­ris­dik­ti­on und hat­te die üb­li­chen Steu­ern au­ßer der Ser­vice­steu­er zu ent­rich­ten. Sei­ne her­aus­ge­ho­be­ne Stel­lung wur­de da­durch un­ter­stri­chen, dass er bei kirch­li­chen Pro­zes­sio­nen un­mit­tel­bar hin­ter den bei­den Stadt­käm­me­rern und dem Stadt­schrei­ber schrei­ten durf­te.

Der ers­te na­ment­lich be­kann­te Stadt­phy­si­kus in Deg­gen­dorf war Jo­hann Da­ni­el Mi­lio, der bis 1643 die­ses Amt aus­üb­te. Ihm folg­te Jo­hann Franz Schön­lein. Der Stadt­phy­si­kus war ei­ne an­ge­se­he­ne Per­sön­lich­keit und das um so mehr, je grö­ßer die Stadt war, in der er wirk­te. Die Stadt­phy­si­kus­se wa­ren da­her be­müht, in be­deu­ten­de­re Städ­te zu wech­seln. So trat der Deg­gen­dor­fer Stadt­phy­si­kus Franz Sto­cker 1668 die Stel­le ei­nes Land­schafts­phy­si­kus in Lands­hut an. Für ihn kam aus dem klei­ne­ren Din­gol­fing der dor­ti­ge Stadt- und Land­phy­si­kus To­bi­as Wischlbur­ger nach Deg­gen­dorf. Wischlbur­ger blieb bis zu sei­nem To­de in die­ser Stadt. Acht sei­ner zahl­rei­chen Kin­der wur­den hier ge­bo­ren. Sein Sohn To­bi­as Franz war von 1703 bis 1735 Stadt­pfar­rer in Deg­gen­dorf. Zwei an­de­re Deg­gen­dor­fer Stadt­phy­si­kus­se Jo­hann Ge­org und Jo­hann Ja­kob Freiha­mer, Va­ter und Sohn, über­nah­men 1706 bzw. 1741 das Strau­bin­ger Gar­ni­sons­phy­si­kat.

Der be­deu­tends­te un­ter den Deg­gen­dor­fer Stadt­phy­si­kus­sen war der am 13. Mai 1714 im schwä­bi­schen Kirch­heim als Sohn ei­nes Reichs­gräf­li­chen Fug­ger­schen Ge­richts­schrei­bers ge­bo­re­re Dr. med. Jo­han­nes Ja­kob Koll­mann. Er hat­te an meh­re­ren Uni­ver­si­tä­ten stu­diert und in Rom pro­mo­viert. Als er sich um das Amt in Deg­gen­dorf be­warb, konn­te er trotz sei­ner erst 29 Jah­re be­reits auf zwei aus­ge­üb­te Phy­si­ka­te ver­wei­sen. Nach ei­ner Pro­be­re­la­ti­on (Pro­be­be­richt) er­hielt er am 24. Ja­nu­ar 1744 die Be­ru­fung zum Stadt­phy­si­kus. Da­mit ver­bun­den war die Pflicht, die jun­ge Wit­we sei­nes Vor­gän­gers, Ro­si­na Dal­ho­ven, ge­bo­re­ne Ecker von Strau­bing, zu hei­ra­ten, ei­ne da­mals bei der Ver­ga­be von Stadt­äm­tern üb­li­che Form der Wit­wen­ver­sor­gung. Aus der Ehe gin­gen neun Kin­der her­vor, von de­nen drei je­doch kurz nach der Ge­burt star­ben. Es gab für den neu­en Stadt­phy­si­kus viel Ar­beit, denn 1743 hat­ten Brän­de wäh­rend der Be­set­zung Deg­gen­dorfs im ös­ter­rei­chi­schen Erb­fol­ge­krieg ei­ni­ge Stadt­vier­tel zer­stört. In den 34 Jah­ren sei­nes Diens­tes in Deg­gen­dorf be­fass­te sich Jo­han­nes Ja­kob Koll­mann auch mit wis­sen­schaft­li­chen For­schun­gen, die vor al­lem Fra­gen der mensch­li­chen Er­näh­rung be­tra­fen. Die 1759 ge­grün­de­te Baye­ri­sche Aka­de­mie der Wis­sen­schaf­ten nahm ihn als An­er­ken­nung für die­se Un­ter­su­chun­gen als Mit­glied auf. Als er An­fang Fe­bru­ar 1778 starb, folg­te ihm sein Sohn Dr. med. Jo­hann Ne­po­muk Koll­mann im Amt. Er hat­te in In­gol­stadt stu­diert und pro­mo­viert und in Wien die Auf­sicht über Spi­tä­ler und Kran­ken­häu­ser in­ne­ge­habt.

Nach sei­nem frü­hen To­de 1795 wur­de Dr. phil. et med. Jo­sef Gierl, ein Schwa­ger der Koll­manns, vor­her sie­ben Jah­re Stadt- und Land­phy­si­kus in der klei­nen Stadt Wie­sen­steig bei Göp­pin­gen, neu­er Stadt­phy­si­kus, da­mit hie­si­ge Stadt und Bür­ger­schaft mit ei­nem taug­li­chen Sub­jec­to wiedrum ver­se­hen wer­de und weil auf Grund der Zeug­nis­se von ihm be­kannt, daß er so­wohl in dem me­dic. Fa­che, als auch in der Heb­amm- und Vieh­arz­ney­kunst hin­rei­chend Kennt­nis­se be­sitzt. Gierl kauf­te auch für 1 900 Gul­den das Haus Koll­manns in der He­rolds­gas­se 194 (heu­te Bahn­hof­stra­ße 20). Er trat vor al­lem durch sei­ne mu­si­ka­li­schen In­ter­es­sen her­vor, was für vie­le Ver­tre­ter des Ärz­te­stan­des auch heu­te noch zu­trifft. Er­in­nert sei nur an das Nie­der­baye­ri­sche Ärz­te­or­ches­ter. Im Zu­ge der Sä­ku­la­ri­sie­rung des Klos­ters Met­ten er­warb Gierl bei ei­ner Ver­stei­ge­rung zahl­rei­che Mu­si­ka­li­en.

Mit dem Ge­mein­de­edikt von 1808 wur­de die Stadt dem Land­ge­richt un­ter­stellt. Da­mit ent­fiel auch das Amt ei­nes Stadt­phy­si­kus. Sei­ne Auf­ga­ben über­nahm der Land­ge­richts­arzt als Staats­be­am­ter. Seit 1. Ja­nu­ar 1804 üb­te Ignaz Gier­lin­ger für 600 Gul­den Jah­res­ge­halt die­ses Amt aus. Von sei­nen Nach­fol­gern Dr. Paul Cas­par Scho­ba­cher und Dr. Wolf­gang Ap­pel lie­gen Phy­si­kats­be­rich­te aus den Jah­ren 1830 und 1860 vor, die wich­ti­ge Quel­len für den Ge­sund­heits­zu­stand, die Wohn­ver­hält­nis­se und die Le­bens­wei­se der Deg­gen­dor­fer Be­völ­ke­rung im 19. Jahr­hun­dert dar­stel­len.

Im 19. Jahr­hun­dert voll­zo­gen sich wei­te­re ein­schnei­den­de Än­de­run­gen in der Ver­sor­gung der Kran­ken in der Stadt Deg­gen­dorf. 1820 wan­del­te der Ma­gis­trat das obe­re Stock­werk des Bru­der­hau­ses in ein all­ge­mei­nes Kran­ken­haus und die Blat­tern­haus­stif­tung in ei­ne Kran­ken­haus­stif­tung um. Da das Ge­bäu­de für den neu­en Zweck nicht aus­reich­te, wur­de 1863 mit Hil­fe zahl­rei­cher Spen­den der Deg­gen­dor­fer Bür­ger ein neu­es Kran­ken­haus er­rich­tet, das im Lau­fe der Zeit durch im­mer neue An­bau­ten er­wei­tert wur­de. Die Be­hand­lung der Kran­ken über­nahm ein spe­zi­ell ein­ge­setz­ter Kran­ken­haus­arzt, in der Re­gel ein Chir­urg, aber na­tür­lich nicht ein chir­ur­gi­scher Fach­arzt, wie wir ihn heu­te ken­nen. Rund hun­dert Jah­re spä­ter er­wies sich die­ses in­zwi­schen völ­lig ver­schach­tel­te al­te Kran­ken­haus end­gül­tig als zu klein. Auf dem Per­las­berg wur­de 1976 das neue Haupt­kran­ken­haus ge­baut, das heu­ti­ge Kli­ni­kum, das nicht nur für die Stadt, son­dern für den ge­sam­ten Land­kreis und weit dar­über erst­mals ei­ne sta­tio­nä­re Schwer­punkt­kran­ken­ver­sor­gung mit ei­nem breit ge­fä­cher­ten An­ge­bot zahl­rei­cher me­di­zi­ni­scher Fach­dis­zi­pli­nen er­mög­licht. Es wur­de und wird seit­dem schritt­wei­se durch neue Ab­tei­lun­gen aus­ge­baut und er­wei­tert.

All­mäh­lich nahm auch in Deg­gen­dorf und Um­ge­bung die Zahl der Ärz­te zu, die in frei­er Pra­xis tä­tig wa­ren. Bis 1823 gab es nur den Land­ge­richts­arzt. Dann trat nach Über­win­dung er­heb­li­cher Wi­der­stän­de ein zwei­ter prak­ti­scher Arzt hin­zu. Ei­ne Sta­tis­tik der Stadt Deg­gen­dorf von 1894 zählt ne­ben dem Land­ge­richts­arzt und dem Be­zirks­arzt wei­te­re zwei prak­ti­sche Ärz­te so­wie drei Ärz­te in der 1869 ge­bau­ten, für ganz Nie­der­bay­ern zu­stän­di­gen Kreis-Ir­ren­an­stalt auf. Un­ter den Land­ärz­ten be­fan­den sich aus­ge­spro­che­ne Ori­gi­na­le, so Dr. med. Karl Hay­ler (?1834 in Ro­sen­heim, †1918 in Deg­gen­dorf), der 38 Jah­re in Met­ten prak­ti­zier­te und Pa­ti­en­ten im wei­ten Um­kreis von Deg­gen­dorf bis Bo­gen und Kalteck be­han­del­te.

Hay­ler war nach sei­nem Me­di­zin­stu­di­um in die Schwei­zer­gar­de des Paps­tes Pi­us IX. (1846 – 1878) ein­ge­tre­ten, hat­te als Ober­stabs­arzt an ver­schie­de­nen Schlach­ten teil­ge­nom­men und war ver­wun­det wor­den. Wäh­rend des I. Va­ti­ka­ni­schen Kon­zils (8. De­zem­ber 1869 – 20. Ok­to­ber 1870) zu Rom lag in sei­nen Hän­den die me­di­zi­ni­sche Be­treu­ung der Kon­zils­teil­neh­mer. Da­bei lern­te ihn Abt Ut­to Lang von Met­ten ken­nen und schät­zen und lud ihn als Arzt nach Met­ten ein, um die me­di­zi­ni­sche Für­sor­ge für die Klos­ter­brü­der und die Schü­ler des Gym­na­si­ums zu über­neh­men. Zu sei­nen Pa­ti­en­ten ge­hör­ten fort­an so­wohl die Stein­bruch- und Wald­ar­bei­ter als auch an­ge­se­he­ne Deg­gen­dor­fer Bür­ger. Not­lei­den­den Fa­mi­li­en er­ließ er als zu­tiefst so­zi­al den­ken­der Christ das Ho­no­rar.

Sei­ne Be­hand­lungs­me­tho­den wa­ren ein­fach und von psy­cho­lo­gi­schem Ein­füh­lungs­ver­mö­gen ge­prägt. Schü­lern des Gym­na­si­ums wur­de zu­erst im­mer ei­ne Di­ät, sprich: Ri­zi­nus­öl, ver­ab­reicht. Si­mu­lan­ten schie­den da­mit so­fort aus, für die an­de­ren war es nicht schäd­lich. Hay­lers Um­gangs­ton war rau, aber herz­lich, was zahl­rei­che An­ek­do­ten be­le­gen. Kam ei­nes Ta­ges der Pe­dell des Gym­na­si­ums, sich die Sei­te hal­tend, zu ihm: „Herr Dok­tor, wenn ich da auf die Brust hin­lan­ge, dann tut\'s mir weh!“ –„Depp, lang halt net hin“, war die Ant­wort des Dok­tors. In ei­nem sei­ner Stamm­tisch­freun­de fand er je­doch sei­nen Meis­ter. Der Stein­metz Kandler klopf­te früh um sie­ben Uhr an der Woh­nung des Arz­tes. Hay­ler öff­ne­te ihm er­bost: Was willst denn, du Rind­vieh, schon in al­ler Früh bei mir“ – „Hab’ mich nicht ge­irrt, bin schon gleich zum Viech­dok­tor ge­gan­gen!“ Dr. Hay­ler schluck­te sprach­los, dann ent­fuhr es ihm: „Jetzt schauts den an, der meint, er könnt noch grö­ber sein als ich!“

In Eden­stet­ten un­weit von Deg­gen­dorf hat­te 26 Jah­re Sa­ni­täts­rat Dr. Eli­gius Pe­ter (1867 – 1950) sei­ne Pra­xis. Als jun­ger Arzt in Mün­chen hat­te er ei­nen so gu­ten Ruf, dass er zum Arzt der bay­ri­schen Kö­ni­gin be­ru­fen wur­de. Als aber sei­ne Tä­tig­keit am Ho­fe ihn in ei­nen Skan­dal zu ver­wi­ckeln droh­te, ging er als Ko­lo­ni­al­arzt nach Ka­me­run, wo er sich um me­di­zi­ni­sche Ver­bes­se­run­gen be­müh­te und meh­re­re afri­ka­ni­sche Spra­chen er­lern­te. Im Ers­ten Welt­krieg 1915 nach Deutsch­land zu­rück­ge­kehrt, rich­te­te er in sei­ner Hei­mat­ge­mein­de ei­ne Land­arzt­pra­xis ein, die sich re­gen Zu­spruchs bei al­len Be­völ­ke­rungs­schich­ten er­freu­te. Der viel­sei­tig in­ter­es­sier­te Arzt führ­te ei­nen aus­ge­dehn­ten Brief­wech­sel in Eng­lisch, Fran­zö­sisch, Alt- und Neu­grie­chisch, La­tein, Por­tu­gie­sisch und Spa­nisch mit be­kann­ten Per­sön­lich­kei­ten in al­ler Welt.

Wie der be­deu­ten­de Stadt­phy­si­kus Koll­mann wird auch ein an­de­rer be­rühm­ter Arzt von sei­ner Ge­burts­stadt Deg­gen­dorf mit ei­nem Stra­ßen­na­men ge­ehrt. Ge­meint ist Pro­fes­sor Dr. Ru­dolf Gras­hey, der 1876 in der Dienst­woh­nung des Di­rek­tors der Krei­sir­ren­an­stalt zur Welt kam, da sein Va­ter zu die­ser Zeit Chef die­ser Heil- und Pfle­ge­an­stalt war. Sei­ne Mut­ter An­na war ei­ne ge­bo­re­ne von Gud­den, ei­ne Toch­ter des Psych­ia­ters Bern­hard von Gud­den, der 1886 zu­sam­men mit Kö­nig Lud­wig II. auf mys­te­riö­se Wei­se im Starn­ber­ger See um­kam. 1884 über­sie­del­te die Fa­mi­lie nach Würz­burg und kurz dar­auf nach Mün­chen, da der Va­ter ei­nen Ruf auf den Lehr­stuhl für Psych­ia­trie an den dor­ti­gen Uni­ver­si­tä­ten er­hielt. Nach Ab­itur und Me­di­zin­stu­di­um er­warb Ru­dolf Gras­hey die me­di­zi­ni­sche Ap­pro­ba­ti­on und wur­de 1907 Do­zent für Chir­ur­gie, 1911 au­ßer­or­dent­li­cher Pro­fes­sor in Mün­chen. Nach der Tä­tig­keit als Ober­stabs­arzt und Chir­urg an der Front im Ers­ten Welt­krieg wur­de er 1920 Chef­arzt der Phy­si­ka­lisch-Me­di­zi­ni­schen Ab­tei­lung des Kran­ken­hau­ses Mün­chen-Schwa­bing.

Schon wäh­rend sei­nes Stu­di­ums war Gras­hey mit der bahn­bre­chen­den Ent­de­ckung Wil­helm Con­rad Rönt­gens be­kannt ge­wor­den und da­von fas­zi­niert, ähn­lich wie ein an­de­rer Be­woh­ner der nä­he­ren Deg­gen­dor­fer Um­ge­bung, der Schau­flin­ger Pfar­rer Max Mai­er (1862 – 1901), der 1898 ei­ne phy­si­ka­li­sche Dok­tor­ar­beit über Beu­gungs­ver­su­che und Wel­len­län­gen­be­stim­mun­gen der Rönt­gen­strah­len an der Mün­che­ner Uni­ver­si­tät ver­tei­dig­te und Vor­leis­tun­gen für ei­ne me­di­zi­ni­sche Nut­zung der Rönt­gen­strah­len er­brach­te. Er starb an den Fol­gen der Strah­len­schä­den, die er sich bei sei­nen Ex­pe­ri­men­ten zu­ge­zo­gen hat­te.

Gras­hey spe­zia­li­sier­te sich auf das neue Fach­ge­biet der Rönt­ge­no­lo­gie und ver­öf­fent­lich­te be­reits 1905 ei­nen At­las ty­pi­scher Rönt­gen­bil­der vom nor­ma­len Men­schen. Zu­erst er­fass­te er al­so Rönt­gen­auf­nah­men des ge­sun­den Men­schenske­letts, um spä­ter krank­haf­te Ver­än­de­run­gen bes­ser fest­stel­len zu kön­nen. Im sel­ben Jahr ge­hör­te Gras­hey zu den In­itia­to­ren der Deut­schen Rönt­gen­ge­sell­schaft. Spä­ter über­nahm er die Re­dak­ti­on der Zeit­schrift Fort­schrit­te auf dem Ge­biet der Rönt­gen­strah­len. 1924 er­teil­te die Münch­ner Uni­ver­si­tät ihm auf Grund sei­ner For­schun­gen ei­nen Lehr­auf­trag für Rönt­ge­no­lo­gie. Vier Jah­re spä­ter er­hielt er den ers­ten deut­schen Lehr­stuhl für Rönt­ge­no­lo­gie und me­di­zi­ni­sche Strah­len­heil­kun­de an der Uni­ver­si­tät Köln, wo er bis zur Zer­stö­rung sei­nes In­sti­tuts durch ei­nen Bom­ben­an­griff im Jah­re 1944 wis­sen­schaft­lich ar­bei­te­te. Gras­hey be­schäf­tig­te sich vor al­lem mit der me­di­zi­ni­schen Ana­ly­se von Rönt­gen­auf­nah­men, mit den Schwie­rig­kei­ten bei der Rönt­gen­dia­gnos­tik und den mög­li­chen Schä­di­gun­gen durch Rönt­gen­strah­len. Nach Kriegs­en­de wirk­te Gras­hey bis 1949 mit gro­ßem Ein­satz un­ter schwie­ri­gen Be­din­gun­gen an der Ber­li­ner Cha­rité bei Pro­fes­sor Ernst Fer­di­nand Sau­er­bruch (1875 – 1951), mit dem ihn schon 1918/19 an der Mün­che­ner Chir­ur­gi­schen Kli­nik ei­ne en­ge Zu­sam­men­ar­beit ver­bun­den hat­te.

Zum Men­schen Gras­hey ge­hör­te auch sein fei­ner Sinn für Hu­mor, der sich in Bei­trä­gen für die sa­ti­ri­schen Zeit­schrif­ten Flie­gen­de Blät­ter und Meg­gen­dor­fer Blät­ter bzw. auf der von ihm be­grün­de­ten hu­mo­ris­ti­schen Sei­te Die In­sel in der Münch­ner Me­di­zi­ni­schen Zeit­schrift nie­der­schlug. Das Ziel die­ser Aus­ga­be cha­rak­te­ri­sier­te er mit fol­gen­den Ver­sen:

Auf die­se In­sel ret­te sich, wer kann –
Aus der An­non­cen wäs­se­ri­ger Flut
Wie aus der Wis­sen­schaf­ten Son­nen­g­lut
Und aus des All­tags­wer­kes Ket­ten­bahn.
Hier win­ken Blu­men schö­ner Poe­sie
Und al­ter Meis­ter weis­heits­tie­fes Wort.
Hier scheu­chen euch die schwar­zen Gril­len fort
Manch ke­cker Witz und küh­le Iro­nie.
Man kann nicht le­ben nur von Wis­sen­schaft,
Man kann er­sti­cken auch in „Me­di­zin“ –
Hu­mor, das le­bens­wicht’ge Vit­amin,
Be­freit den Geist und weckt ihm neue Kraft.

Sei­ne Bei­trä­ge in die­ser In­sel, die oft­mals in bai­ri­scher Mund­art ver­fasst wa­ren, un­ter­zeich­ne­te er mit dem für ei­nen Me­di­zi­ner tref­fen­den Pseud­onym S. Kuh­lapp. Für die Per­so­nen in sei­nen Ge­schich­ten und Ge­dich­ten er­sann er spre­chen­de Na­men wie Re­gis­tra­tor Lang­wei­ler, Frau Voll­dampf, Herr Schieb­mei­er, Ren­tier Hendl­mei­er oder die Pro­fes­so­ren Zap­pel­bein, Stre­ber und Wie­der­key­er. In sei­ner schrift­stel­le­ri­schen Tä­tig­keit er­wies er sich als wür­di­ger Nach­fol­ger sei­nes Ah­nen, des Dich­ters Mat­thi­as Clau­di­us (1740 – 1815).

Schwer er­krankt, zog sich Gras­hey 1949 nach Bad Tölz zu­rück, wo der von sei­nen Pa­ti­en­ten we­gen sei­ner Gü­te als Pa­pa Gras­hey ver­ehr­te Pro­fes­sor 1950 starb. Die Baye­ri­sche Rönt­gen­ge­sell­schaft er­hält mit der Ver­lei­hung der Gras­hey-Me­dail­le an ver­dien­te Rönt­ge­no­lo­gen die Er­in­ne­rung an die­sen gro­ßen Wis­sen­schaft­ler und Arzt le­ben­dig.

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